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​Textproben

Textproben auszugweise aus unseren Büchern, Essays und redaktionelle Artikel. Gerne senden wir Bücher, in denen wir als Autor genannt sind, beispielsweise:

Lebensabschnittsbiografie, Migration nach Schweizer Art:

"Hakuna Matata für Anfänger"

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KLAPPENTEXT: „Ich helfe euch und kümmere mich darum.“ Diese leichtfertig ausgesprochenen Worte stürzten Alice aus der Schweizer Ordnung hinein ins absolute Chaos. Weil ein kleiner, staatenlos geborener schwarzafrikanischer Junge sie im Sturm eroberte. Seine Eltern kamen mit den Regeln und Gesetzen der alpinen Eidgenossen nicht klar und zerschellten mit ihrer kenianischen Hakuna Matata Einstellung an den Hütern der Vorschriften. Alice hilfsbereites Durchhaltevermögen entgegen der Vernunft und die unglaublichen Ereignisse sind gleichermaßen so erstaunlich, wie überraschend. Nimm Platz im Sonderzug der Schweizer Bahn, denn dort begann die Odyssee der ganz besonderen Art. Mit ironischem Unterton erzählt Alice vom erlebten Aufprall der Kulturen in Kombination mit einem aberwitzigen Behördenhindernisrennen durch drei Nationen. Eine „augenzwinkernd“ erzählte wahre Migrationsgeschichte vom guten Willen, Verzweifeln, Scheitern und Siegen.

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Aus Kapitel 1:

Hamis arbeitete als Reinigungskraft der Züge, die ich begleitete, und war damals Anfang 40. Sein Erscheinungsbild und seine Ausstrahlung hatte sich jedoch sehr viel Jugendliches bewahrt. Das Jungenhafte strahlte er über seine schmale Taille mit hüftlangen Rasta-Zöpfen und strahlend weißen Zähnen aus, die er mit seinem breiten Grinsen gerne zeigte. Durch alle Poren spross dem stolzen Mann aus Afrika das magische „Hakuna Matata Mantra: No Problem! Niemals! Take it easy!“ So stellt man sich jung gebliebene Bob Marley Fans im fortgeschrittenen Alter vor, wenn sie nach fünf Stunden Surfen am Strand von Jamaika anlanden. Es fehlte nur die dicke Qualmgranate zwischen den Lippen. Na ja, eigentlich fehlte die gar nicht, sie war nur zu Hause geblieben, doch das wusste ich damals noch nicht. „Hamis ist Kenia!“ Mit dieser Metapher könne ich mir sowohl seinen Namen als auch seine Heimat einfach merken, grinste er. Hamis wohnte in Biel und sprach Schweizer Deutsch. Um es bildlich zu machen: Stell dir einen Rastaman am karibischen Strand vor, der dir den Weg nach Trenchtown in Schwyzerdütsch erklärt. Nun ein Bild vor Augen? Chunsch drus? (Hast du es verstanden?) Wie, wo und von wem er Schwyzerdütsch lernte? Von einer Frau natürlich. Denn so anziehend, wie er auf das weibliche Geschlecht wirkte, so magnetisierend wirkten Frauen auch auf ihn. 

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Auf Wunsch senden wir Ihnen das Taschenbuch als Leseprobe !

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Auszug aus der Autobiografie eines erfolgreichen Goldsuchers:

Im Hotel roch es muffig nach Feuchtigkeit, vermodernden Balken und Dreck. Angeführt vom billigen Desinfektionsmittel, herummarodierenden Wanzen und vergammelten Holz stank es erbärmlich. Ein miesepetriger Chéfe in blauer, verschlissener Uniform, an deren Jacke das Schildchen "Chéfe de Hotel" prangte, mimte den Empfangsleiter, Gepäckjunge, Kellner und Verwalter in Personalunion. Mein Zimmer entsprach meiner Vermutung: Winzig, düster, stinkend. Die einzige Belüftung der 45 Grad schwülen heißen Luft waren drei Luftlöcher, die zwischen Wand und Decke pulsierend vor sich hin moderten. Das Mobiliar bestand aus einem rostigen Eisenbett, das viel älter als ich war und die Matratze spottete jeder Beschreibung.  Dazu gab es einen klapprigen Nachttisch nebst gelblichem Nachttopf. Stuhl und Tisch suchte ich hier vergeblich. Für die Kleidung waren zwei Nägel in die Wand geschlagen und um sich zu waschen, musste man am Ende des Flures eine gruselige Gemeinschaftsdusche benutzen, deren braune Wasserbrühe anscheinend direkt aus dem Sumpf hinter dem Haus gepumpt wurde. Kaum hatte „Chéfe“ die Tür hinter sich geschlossen, spürte ich die kurzzeitig vergessene Angst. Sie kam leise zurück, fies und nahm meine Seele unaufhaltsam in ihren Besitz. Ich zählte die Stellen der Wand, wo der Putz abgebröckelt war, beobachtete die Cucarachas am Boden, hörte das böse Summen der Mosquitos. Angstschweiß vermischte sich mit den gewöhnlichen Ausdünstungen, rann über meine Bartstoppeln und sammelte sich auf Hals und auf dem Rücken. Das alte Hemd und die Leinenhose passten gut zum Zimmer und rochen  genauso. Nun war die Angst wieder greifbar und es war mir klar: Das Zimmer ist nichts weiter als ein unsicheres Gefängnis. In düstere Gedanken vertieft spielte meine linke Hand mit den Nuggets ...

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True-Crime-Biografie. Sexueller Missbrauch der Söhne reißt eine Familie in den Abgrund: 

"Die unsichtbaren Opfer" ​​​

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Klappentext: Mit Förderunterricht, Geschenken und abenteuerlichen Erlebnissen eroberte Erik F. das vertrauensvolle Wohlwollen seiner Opfer ebenso wie das der Eltern. Sophies skeptische Mahnungen verhallten ungehört. Strategisch durchdacht plante der Musiklehrer jeden Schritt voraus, um seine sexuellen Neigungen perfide auszuleben. Es gab kein Entkommen. Die Ereignisse überrollten sie unvorbereitet und zerstörten das Familienglück. Die Kinder sind nicht alleine die Leidtragenden, das Leben der Eltern und aller Verwandten wird ebenfalls nachhaltig aus der Bahn geworfen. Sie sind die unsichtbaren Opfer solcher Verbrechen.

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Alice Grübel erlebte das Familiendrama ihrer Freundin Sophie hautnah. In Gesprächen erfuhr sie Details und erfasste zusammen mit dem Journalisten Andreas Vones das gesamte Ausmaß der zerstörerischen Ereignisse, die auch Sophies verdrängte Erinnerungen an erlebter sexueller Gewalt in ihrer Jugend ebenso offen legten wie schlummernde Eheprobleme der Neuzeit, wobei sich ihr Ehemann als nicht der Mann entpuppte, den sie geheiratet hatte. Das von Andreas Vones mit Unterstützung von Alice Grübel geschriebene Buch erzählt Sophies Schicksal und das aller Betroffenen fesselnd aus dokumentarischer Perspektive. »Genesis« lautete der Code für die länderübergreifende Polizeiaktion. Namen und Orte wurden für das Buch zum Schutz der Betroffenen und zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte geändert.

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Authentisch schildert das Buch fesselnd und dokumentarisch den Kampf der Mutter um die Bestrafung des Täters und die Auseinandersetzung mit der verdrängten eigenen Erfahrung sexueller Gewalt bis zum "Befreiungsschlag" aus allen Zwängen mit einem Neubeginn der besonderen Art.

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Aus dem ersten Kapitel: "Sophie und der Klabautermann"

Mit 2400 Passagieren und 700 Bediensteten an Bord stampfte der Kreuzfahrtriese »MSC Armonia« durch das Mittelmeer, während im Salon des Oberdecks ein stilvoller Tanzabend für Partystimmung sorgte . Sophie war eine der Tanzlehrerinnen, die zum günstigen Sondertarif an der Schiffsreise teilnahm  Ungeplant glitt die elegant ausgerichtete Feierlichkeit des »Käpt’n Dinners« in Sophies 38 . Geburtstag hinein . Das blieb kein Geheimnis, denn um Mitternacht spielte die Kapelle einen Tusch für sie und alle Fahrgäste erfuhren von ihrem persönlichen Feiertag . Niemand merkte es ihr an, doch Sophie war nicht zum Jubeln zumute. Unauffällig verschwand sie hinaus in die frische Abendluft auf das untere Deck. Tief sog sie die Seeluft ein und hörte nur die Wellen und das Brummen der Schiffsturbinen. Niemand sonst spazierte um diese Zeit durch den kühlen Wind der sternenklaren Nacht . Wie von magischer Hand geführt, schritt sie an die Reling unterhalb der Feuertreppe. Die Gischt spritzte zu ihr hoch, während das riesige Gefährt majestätisch durch die See pflügte. Gebannt schaute sie in die schäumende Fahrspur.  Nachdenklich ließ sie ihr Leben Revue passieren und in ihren Gedanken versunken suchte sie den Sinn ihres Daseins. Hatte es überhaupt eine tiefere Bedeutung? Begann es nicht schon von Anfang an verpfuscht? In alldem, was geschehen war, konnte doch kein Sinn liegen . Ihre Erinnerungen stocherten wie brennende Pfeile in alten und frischen Wunden ihrer Seele. Dabei hatte sie vorhin noch geglaubt, endlich alles hinter sich gelassen zu haben. Aber der Existenzkampf hatte ihr nach den verheerenden Ereignissen viel mehr Kraft geraubt, als sie es wahrhaben wollte . Konnte und wollte sie noch weitermachen? In diesem Moment, nur ein kurzes Stück von der tosenden See entfernt, fühlte sie sich unendlich erschöpft und die Ruhe in der Tiefe des Meeres war verlockend greifbarer. Die eiserne Reserve ihrer Lebensenergie war verbraucht. Einzig die Reling trennte sie noch von Neptuns Reich, aus dem sie melodisches, fernes Singen zu hören glaubte.

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Die Welt um sie herum verblich. Alles vergessend starrte sie in die endlose Dunkelheit der See .

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Als ob der Klabautermann höchst selbst seine Hand ausstreckte, gab sie seiner Anziehungskraft nach und kletterte über die nasskalten Metallstreben auf den kleinen Vorsprung dahinter. Einmal noch appellierte ihr Mutterinstinkt an den Verstand: »Was wird aus Oliver und Emanuel? Wer zieht sie groß und führt sie durch das Labyrinth des Lebens?« Irgendetwas in ihr übernahm die Antwort: »Deine Söhne haben einen Vater und liebevolle Großeltern, die machen das schon. Du bist am Ende deines Weges angelangt. Als Mutter hast du zu guter Letzt versagt. « Ihre Hände umschlossen die verchromte Reling, die in diesem Moment ihre letzte Verbindung zwischen dem aufreibenden Leben und dem herbeigesehnten Frieden bedeutete. Das seidene Abendkleid flatterte heftig im Wind, als sie sich langsam auf den Füßen halb um sich selbst drehte und in das unergründlich tiefe Meer blickte. Tausende weiße Wasserperlen in der glitzernden Fahrrinne wirkten hypnotisierend auf die einsame Frau kurz vor dem Loslassen des Lebens.

Sophie lauschte in die Nacht hinein und hörte den Ruf:

»Komm! Hier bist du frei. Unten im Meer vergeht aller Kummer .«

Mehr in Gedanken, als mit den Lippen flüsterte sie: »Ja, ich komme. Ich bin sehr müde. « Ihre Sehnsucht nach endgültiger Ruhe war so mächtig, dass der Verstand aussetzte. Eine letzte Frage ging ihr durch den Kopf:   Wie konnte es so weit kommen?

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"Schicksalsjahre im Schwarzwald - ein nicht selbstbestimmtes Leben"

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Klappentext: Erika Ebner (✝ 06.03.2026)  wuchs im Nachkriegsdeutschland des Markgräflerlands auf. Ihre von einer hartherzigen, herrischen Großmutter geprägte Kindheit wurde von Arbeit, Prügel und Elend bestimmt. Zudem erlebte sie als Jugendliche die undenkbare Steigerung ihres Schicksals durch unfassbare Grausamkeiten, die sie als Geheimnis mit ins Grab nehmen wollte. Damit nicht genug, sagte sie aus der Not des Martyriums heraus „Ja“ zu einem Ehe-Arrangement, dass sie mitten in den Schwarzwald führte, wo nicht nur der Wald düster und unheimlich war. Evangelisch getauft heiratete sie in eine katholische Bäckerfamilie hinein, wo sie abgesehen vom Ehemann unerwünscht war. Zu allem Unglück erlebte sie dort das Schrecklichste, was einer Mutter widerfahren kann. In ihrer Autobiografie erzählt die 70-jährige Unternehmerin fesselnd die ungesühnten Verbrechen und schrecklichen Ereignisse ihres Leidensweges, den sie nur ihrer Kinder zuliebe mit großem Lebenswillen durchstand.

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VORWORT: Stille in der Bäckerei

Das Aroma von frisch gebackenem Brot und die Düfte verschiedenster Zutaten zum Kuchenbacken begleiten mich nun schon 55 Jahre. Seit meinem 15. Lebensjahr bin ich im Bäckereigewerbe tätig. Es war jedoch keine Berufung, zumal ich nicht Bäckerin, sondern Einzelhandelskauffrau lernte. Meinen Berufs- und Lebensweg habe ich mir nicht ausgesucht. Es ergab sich ein Weg ohne Kreuzung, um eine andere Richtung einschlagen zu können.

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Geboren im Markgräflerland, wo ich meine Kindheit verbrachte, heiratete ich „mitten hinein“ in den benachbarten Schwarzwald. Durch die Heirat wohne und arbeite ich seit meinem 22. Lebensjahr bei meinem Ehemann in Münstertal, der mir seinerzeit eine außergewöhnliche Partnerschaft in Form eines ebenso ungewöhnlichen Antrags offerierte. In der damals ohnehin schwierigen Epoche erlebte ich keine sorglosen Kinderjahre und eine flotte Zeit als Teenager schon gar nicht. Das genaue Gegenteil war der Fall. In meiner Heimat widerfuhr mir als junges Mädchen das Widerwärtigste, was man(n) Menschen antun kann und als junge Frau das Grausamste, was einer Mutter passieren kann. Dabei handelte es sich aber nur um die schlimmen Höhepunkte meines Lebens, das mir selten lebenswert erschien. Seit meiner Kindheit wurde ich immer wieder auf Pfade gelenkt, die ich mir selbst nicht ausgesucht habe. 70 Jahre geht das schon so. Es verwundert mich im Rückblick, dass ich nicht nur immer noch im Backgewerbe arbeite, sondern vor 48 Jahren sogar einen Bäcker heiratete und den sicheren Hafen einer Angestellten verließ, um fortan als  Unternehmerin an der Seite meines Mannes tätig zu werden. Vieles habe ich von jeher verdrängt, darüber zu sprechen fiel mir stets so schwer, dass ich es bisher niemals aussprach. Und genau das war die  Motiva-tion meines Sohnes Jürgen, mir das Schreiben mit der Veröffentlichung meines Buches zu raten und als Geschenk zu ermöglichen. Es war ein guter Plan, denn aufschreiben geht leichter und dabei kann ich die Geschehnisse zu Papier bringen, die bislang noch niemand erfuhr. Vielleicht hilft es mir, endlich damit abzuschließen. Andererseits kann meine Lebensgeschichte auch all jene unterstützen, die Ähnliches erlebten und ihnen mitteilen: Du bist nicht alleine. Anderen Menschen sollen die Zeilen eine Botschaft vermitteln: Dir geht es gut und besser als vielen Leuten, obwohl es dir nicht so erscheint.

Es ist immer eine Frage des Vergleichs.Um alle  Gedanken einzufangen und relevante Ereignisse aufzuschreiben, habe ich mir den passenden Platz in unserem Betrieb ausgesucht. Seitlich hinten in der Backstube, etwas versteckt,  lädt ein kleiner Raum unsere Mitarbeitenden zur  Pause ein und wird von mir nicht selten als improvisiertes Büro genutzt. Dort begann ich meine Lebensjahre Revue passieren zu lassen und betrachtete manche Ereignisse genauer als zuvor.Dabei entstand ein Berg von Notizen. Da ich noch nie ein Buch geschrieben habe, schenkte mir mein Sohn Jürgen einen Vertrag mit dem Ghostwriter Andreas Vones. Ihm ist es gelungen, alle Ereignisse und insbesondere meine sonst verborgenen Gefühle fesselnd, aber ohne Übertreibung, in einer besonderen Ausdrucksweise zu erzählen.

 

Aus Kapitel 1: Sonntags ist der Arbeitstag in der Bäckerei vormittags um 9 Uhr vorbei und von angenehmen Gerüchen begleitet wurde es ein idealer Ort, um mich in der wöchentlich wiederkehrenden Stille so detailliert wie möglich zu erinnern und meine Erlebnisse zu notieren. Werktags ist stets arg viel zu tun und zu bedenken, dass mir keine freie Minute  bleibt, was jedoch für mein Seelenheil gut ist. Ablenkung mit Verdrängung aller bösen Gedanken an früher ist für mich überlebenswichtig. Überhaupt hatte ich in all den Jahrzehnten nie Zeit für Rückblicke oder um  Ereignisse zu verarbeiten, was auch immer das genau bedeutet.

Die Zeiten haben sich seit meiner Kindheit in vielen Bereichen gewandelt, ganz besonders technisch und medizinisch. Zwischenmenschlich und gesellschaftlich erscheint mir jedoch heute manches noch so wie damals, als ich am 9. Januar 1952 nicht nur mitten hinein in das zerbombte Deutschland geboren wurde, sondern auch in die dörfliche, religiös geprägte Gesellschaft des Markgräflerlands, wo nicht nur der Wald schwarz und düster war.

 

Mein Geburtsort Auggen  liegt im Markgräflerland am Rande des Schwarzwalds. Die Region grenzt im Westen an Frankreich und im Süden an die Schweiz. Doch Kontakte zu den Nachbarn gab es kaum und bis heute hat sich kein französischer oder Schweizer Lebensstil über die Grenzen eingeschlichen. Man blieb und bleibt lieber unter sich. In Auggen, Mühlheim, Schliengen oder später auch im Münstertal wurden  selbst Leute aus den naheliegenden Städten Lörrach, Weil am Rhein oder aus dem Breisgau als zugereiste Fremde argwöhnisch betrachtet. Selbst die Höhenunterschiede machen aus Einheimischen kurzerhand „die von oben“ oder umgekehrt „welche von unten.“ Eine goldene Mitte ist schwer zu bestimmen. Die Abgeschiedenheit meiner Heimat ohne nennenswerte Industrie trug dazu bei, dass die Region nicht im Bombenhagel des  Weltkriegs verdampfte, wie so viele andere Städte und Gebiete. Hitler hatte zwar auch im Hochschwarzwald eine Basis, die „Tannenberg“ hieß, doch glücklicherweise kam er nur einmal zur Einweihung im Jahr 1940. ...

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Essays und Artikel:

Hommage an Derrick: "Die Frau in Weiß, das Geheimnis seiner schwarzen Tasche und ein Selbstmord aus Liebeskummer",  (Februar 1998)

Für Millionen Fans wird Oberinspektor DERRICK in die EUROPOL-Zentrale nach Brüssel versetzt, doch in Wirklichkeit geht Deutschlands berühmtester Polizist in Rente. Seit 1974 hat der heute 74jährige in 281 Krimifolgen dem hoch gewachsenen Oberinspektor in rund 16 Drehtagen seinen nachhaltig wirkenden Charakter verliehen. Derrick wurde in in 220 Länder verkauft. Zeit für eine Pause, für Rückbesinnung und für neue Pläne, aber auch die richtige Zeit, um kleine und große Geheimnisse des Privatmannes Horst Tappert zu lüften.

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Der Mann, der Derrick war (Febr. 1998) von Andreas Vones

 

Eine milde Januarsonne strahlt über der Cote d`Azur, dort, wo sie am prominentesten ist: Saint Tropez, das Luxusbad der Reichen und Mondänen genießt das 12 Grad warm milde Frühlingsklima. Die Hände tief in den Taschen seiner rotbraunen Anzughose vergraben "tappert" der wohl populärste Fernsehkriminalist der Welt nachdenklich und einsam durch den feinen Sand des Mittelmeerstrandes. Leicht gebeugt und müde wirkend, scheint nur der Blick des charismatischen 74jährigen dem Alter zu trotzen. Ehefrau Ursula indes schaut dem Mann, der Derrick war, nachdenklich an der Uferpromenade sitzend hinterher. Mehr zu sich selbst, als zum Zuhörer gewandt, bemerkt sie leise: "In letzter Zeit ist er manchmal richtig seltsam". Ist der Mann am Strand Derrick oder Horst Tappert?

 

"Ich habe Derrick geprägt, ihn gelenkt und geführt, ich habe ihm meine Seele geliehen“, erklärt der große Star. "Doch im Laufe der letzten Jahre bin ich mehr und mehr psychologisch ermüdet. Es wurde Zeit, Schluss zu machen, das wollte ich eigentlich schon vor ein paar Jahren. Nur dem Team und dem Produzenten Ringelmann zuliebe habe ich noch weitergemacht. Immerhin ist Derrick die deutsche Erfolgsserie schlechthin und das sensationelle Lebenswerk von Helmut Ringelmann, das konnte ich doch nicht so einfach zerstören, oder?" Sein Blick, seine Stimme und seine Haltung lassen keinen Zweifel: hier sucht Derrick nach Antworten.

 

Seit 1974 recherchiert Horst Tappert als Polizist mit den leisen Tönen die Motivation seiner Serienmörder. Stets im Anzug, drehbuchgerecht einsam und ohne Gemütsregungen offenbart Oberinspektor Derrick die Hintergründe seiner aufzuklärenden Morde. Schnell wurde Derrick auch außerhalb seines Fankreises zu einer Institution und noch zu Laufzeiten der Serie zu einer Kultfigur der neuen Fernsehepoche. Derrick wurde zur einzigen Ausnahme, an dessen Ausstrahlungstag selbst Fußballübertragungen nicht überzogen werden durften. Produzent Helmut Ringelmann, Stammautor Herbert Reinecker und Derrick-Mime Horst Tappert schrieben Filmgeschichte. Öffentlich wurde das Fernsehprivatleben des Inspektors diskutiert, Bonner Stadtinspektoren gar gründeten, von Münchener Kripobeamten unterstützt, "Die Initiative zur Beförderung Derricks", dessen Meinung für nahezu alle Probleme des täglichen Lebens plötzlich wichtig wurde. Soviel Ruhm und Verantwortung muss einen Menschen prägen und verändern: Ohne Zweifel hat sich der Schauspieler längst voll und ganz mit der Rolle identifiziert. Auch privat wurde Horst Tappert mehr und mehr zu Derrick. So mochte sich der "Major" (Die Gentlemen bitten zur Kasse, 1966) zwar von seinem Toupet, aber selbst im Urlaub nicht von seinen Anzügen trennen. Kommentar: "Man erwartet das von Derrick."

Erst eindringliches Zureden seiner Frau Ursula lässt ihn salopp in einer zugeknöpften Strickjacke zum Fototermin erscheinen. Ebenso zugeknöpft bleibt der beliebte Schauspieler bei Fragen, die sein Privatleben betreffen. Drei Tage Gemeinsamkeit mit dem Star wurden zum überraschenden Wechselbad der Eindrücke und Erlebnisse. Mindestens drei Stunden vor seinem ersten Tagesauftritt in die Öffentlichkeit, und sei es nur im Rahmen des kleinen idyllischen Hotels "Mas de Chastelas" am Rande von Saint Tropez, braucht der hochgewachsene Sohn eines deutschen Postbeamten sein Frühstück im separaten Zimmer mit mindestens zwei Kannen Kaffee. Und schon hier muss für den Perfektionist alles stimmen: ein vergessenes Messer oder das ebenfalls mal versehentlich vergessene Kännchen Milch lässt ihn bedeutungsvoll anweisen:

 

"Bitte teilen Sie dem Hotelpersonal mit, dass ich zivilisiert genug bin, um mit einem Aufstrichmesser umzugehen." Eine kleine Erinnerung oder das Herbeirufen des Zimmerservice kommt dem Star gar nicht in den Sinn. Derart grobe Fehler sind unverzeihliche menschliche Schwächen.

 

Folglich wird scriptartig das Frühstücksrepertoire schriftlich fixiert für die zukünftigen Tage geordert. Auch mit den kleinen Errungenschaften der menschlichen Zivilisation mag sich der berühmteste deutsche Fernsehpolizist nicht auseinandersetzen, auch nicht, wenn es sich um die Heizung seines Zimmers handelt. Am ersten Tag war es viel zu kalt und der siebenstufige Regler musste vom Hotelpersonal bedient werden. Am zweiten Tag jedoch war es dann viel zu warm, - die goldene Mitte ist eben schwer zu finden, nicht nur bei der Heizung. Um "die Mitte" drückt sich Horst Tappert gekonnt, seine Auftritte sind auch privat dramaturgisch eindrucksvoll in Szene gesetzt. Ganz die männliche Diva zieht der gelernte In- und Exportkaufmann die Aufmerk-samkeit auf sich. Weh dem, der den König des deutschen Filmexports nicht erkennt. Und doch blitzt im Wechselbad der gefühlvollen Auftritte auch immer wieder der sensible Mensch Horst Tappert durch. Charmant ist ihm dann der Schalk ins Gesicht geschrieben, Natürlichkeit strahlt dem Gesprächspartner entgegen und es plaudert sich plötzlich unterhaltsam und nett mit dem Mann, der Derrick war. Doch sobald sich das Gespräch in eine berufliche Richtung wendet, spricht man nur noch mit dem Star Stephan Derrick. Und der duldet kaum andere Stars im gleichen Atemzug. Berühmten Theaterschauspieler - meist längst Verstorbene - kann Derrick nicht loben. Auch einen Heinz Rühmann oder Gerd Fröbe oder dem großartigen Curd Jürgens bescheinigt er keine schauspielerischen Glanzleistungen. Bei Erik Ode und Siegfried Lowitz wird die Kritik zwar verhaltener, doch es ist klar: Es kann nur (den) "Einen" geben. Und der war immer grandios. Doch die alten Theaterzeiten an der Seite von Siegfried Lowitz lenken den "Grand Seigneur" des Krimi-Genres wieder zum Plauderton. Mit Lowitz hat Tappert jede Menge erlebt und diese alten Zeiten sind immer gut für eine witzige Anekdote. Dem Fluss der Erzählungen ist dann kein Mittel  entgegenzusetzen. Höchstens durch einen Autogrammwunsch oder das spontane Erscheinen eines Pressefotografen der regionalen Tageszeitung. Könige wollen hofiert werden. Die Gunst der Stunde nutzend folgt die Frage nach seinen Kindern.

 

"Ich habe das erste Mal mit 18 Jahren geheiratet", erklärt Tappert, "da war ich doch noch viel zu jung und ich habe die Heirat einfach nur pflichtbewusst für anständig gehalten. Das passierte mir zweimal und die Last der Alimente habe ich in die wunderbare Ehe mit Ursula geschleppt. Der Kontakt zu meinen Kindern ist nicht familiär tief verbunden, irgendwie waren es ja auch ungeplante Unfälle. Doch meine Tochter Karin macht mir sehr viel Freude, kaum menschliche Probleme und beruflich macht sie eine große kaufmännische Karriere. Gary ist mal abgerutscht und unselbständig. Er ist nicht konstant und wird mir wohl immer Sorgen bereiten. Er will die Vorteile des Namens vom Vater, aber nicht die Prominenz. Da habe ich mal, auch in einem Interview, gesagt: Leg doch den Namen ab! "

 

Die negativen Konsequenzen hat der Vater auch schon durchlebt. So schrieb ihm eine junge Südtirolerin innige Liebesbriefe. Sie heiratete sogar einen Mann, der Derrick ähnlich sah und erwartete ein Kind. Diese Ehe, so schilderte die eindrucksvoll schöne Italienerin ihren geliebten Derrick, war so wenig glücklich, wie ihre Sehnsucht nach dem Idol wuchs. Auch drohte sie damit sich etwas anzutun, wenn ihre Liebe unerwidert bliebe. In einem Abschiedsbrief mit einer Tonbandkassette beichtete sie nochmals ihre Liebe und setzte anschließend - wie angekündigt - ihrem Leben ein Ende.

 

"Ein tragischer Selbstmord, aber es war von mir nicht zu verhindern. Die vielen Bittbriefe, Liebesbeteuerungen und Lebensbeichten darf man einfach nicht zu dicht an sich heranlassen", analysiert Derrick. "Es war schlimm für mich", erzählt Horst  Tappert. "Ich habe mich plötzlich von einer ungeheuren Verantwortung fast erdrückt gefühlt und mich allen Ernstes gefragt: Kann ich den Beruf weiterhin ausüben und diese fürchterliche Verantwortung tragen?" Weniger tragisch, aber mysteriös, war das Werben der Frau in Weiß. Ebenfalls eine Italienerin sandte sie ihm intime Liebesbriefe und verehrerische Geschenke. Auch schlich sie tagelang in schlohweißen Gewändern um die Villa des Stars in München. Sie schreckte nicht davor zurück, an der Haustür zu klingeln. Ein Blick durchs Schlüsselloch ließ Tappert jedoch erschauern: die Frau in Weiß lag anscheinend bewusstlos am Boden. Hilfsbereit wollte der Wahlmünchener der Frau zu Hilfe eilen. Doch seine pragmatisch denkende Ehefrau Ursula warnte: "Bist Du närrisch? Du weißt doch gar nicht was passiert, wenn Du die Tür öffnest und ihr gegenüberstehst. Vielleicht ist die Frau gar nicht alleine!" Derrick wurde klar, seine Frau hat Recht. Das Schauspieler-Ehepaar alarmierte die Polizei. Und tatsächlich: die Bewusstlosigkeit war nur vorgetäuscht um nahe an den Star zu kommen. Die Polizei fand wenig später heraus, dass die Frau in Weiß einer einflussreich adligen Familie in Italien entstammt und mit einem Baron verheiratet ist. Kaum nirgendwo wird Derrick so verehrt, wie in Italien. Fast wie eine Lebensbeichte klingen Derricks Erzählungen. Das Wechselbad der Eindrücke wird komplett, als Horst Tappert plötzlich mit Schwindel und Schweißausbrüchen kämpft. Ein Anblick, der Bestürzung und große Sorge hervorruft. Nur mühsam und gänzlich abwesend öffnet Tappert seine schwarze Ledertasche, die er jeden Tag bei sich trägt. Ein kleines Zuckerstück verschwindet in seinem Mund. Derrick hat sich übernommen.

"Seit sieben Jahren leidet Horst an schweren Alterszucker", erklärt seine Frau mit sorgenvoller Miene. "Und nicht immer lebt er so, wie die Krankheit es erfordert."Mehrmals und vor jeder kleinen Mahlzeit muss der Erkrankte sich Insulin spritzen und rund 30 Minuten später etwas essen. In den nächsten Minuten ist Horst Tappert nicht ansprechbar, sein Zustand bessert sich erst nach rund 20 Minuten und weiteren Medikamenten.

 

"Die Krankheit erhält einen Stellenwert, der ihr gar nicht zusteht. Ich kann doch nicht nach dem Fahrplan dieser Krankheit leben", lauten seine ersten Worte nach dem Anfall. Die Verbitterung ist nicht zu überhören, Derrick raucht auch privat nicht, trinkt keinen Alkohol und isst besonnen. Und doch hat ihn eine Krankheit schwer erwischt und beraubt ihn einer großen Portion Lebensfreude. Autogrammwünsche einiger Restaurantbesucher sind nun völlig fehl am Platz und ein leises, erschöpftes Fluchen kann der Star nicht unterdrücken. Doch seinen Fans gegenüber ist und bleibt Derrick pflichtbewusst. Seine "Notfall-Tasche" ist angefüllt mit allen Ausweispapieren, Insulin, Spritzen, Heftpflaster, Watte und blutstillenden Präparaten sowie mit diversen Geldbörsen und verschiedenen Währungen. Sicher ist sicher.

 

Die Sonnenküste Frankreichs lädt zum Bummeln ein. Und am nächsten Tag scheint es, als habe die Last, aus der Endlos-Rolle geschlüpft zu sein, Horst Tappert auch innerlich befreit. Zum Spaziergang lüftete der Dauer-Oberinspektor nicht nur sein Toupet, sondern auch ein paar weitere Geheimnisse. Mit der ihm eigenen Versonnenheit spaziert der Schauspieler auf der Uferpromenade in Saint Maxims. Wie war das denn nun mit seinem Dauerkollegen Harry Klein alias Fritz Wepper?

 

"Streit gab es nicht“, erklärt der vorgesetzte Oberinspektor. "Wir sind aber auch nicht befreundet. Ich habe mich höchstens darüber geärgert, weil Fritz nicht der Pünkt-lichste bei Dreharbeiten war. Aber so richtig geärgert habe ich mich über ihn, weil er bei den letzten drei Derrick-Folgen dann immer pünktlich war", stichelt Derrick mit einem Lächeln und ohne Dienst-Toupet. Mit Wehmut in der Stimme erzählt er von dem Anruf des Derrick-Produzenten Ringelmann im letzten Dezember. "Er war wirklich traurig und wollte wissen, wie es mir denn geht. Doch Trauer  verbinde ich mit dem Drehschluss zu Derrick nicht. Ich bin nicht melancholisch oder sentimental. Wenn Schluss ist, ist Schluss und dann kommt eben was Neues." Über die neuen Vorhaben kann und darf Horst Tappert noch nicht reden. Er lässt nur so viel durchblicken, wie sein neuer Vertrag es erlaubt. Für eine große Auslandsproduktion wird Tappert in Kürze nach Thailand reisen, er ist der einzige deutsche Schauspieler eines großen Films, dessen Inhalt noch vom Mäntelchen des geheimnisvollen Schweigens eingehüllt wird.

 

"Derrick zu stoppen war wirklich notwendig“, erklärt er. "Die Geschichten und Bücher wurden immer schlechter. Seit vielen Jahren hatte ich Identifikations-probleme mit dem Derrick von Herbert Reinecker (Drehbuchautor), doch auch schlechte Geschichten konnte ich mit charakterlichem Engagement retten. Die Figur Derrick entwickelte sich eher zurück als weiter. Mir ist einfach die Lust vergangen." Auch kaufmännisch ist das verständlich, denn Horst Tappert ist an den Verkäufen der Serie in 102 Ländern dieser Welt nicht beteiligt. Das große Geld verdienen andere.

 

Derrick dreht nicht mehr. Aber noch dreht sich alles um Horst Tappert (1998). Auch hier an der Cote d`Azur wird der TV-Fahnder auf der Straße erkannt und um Autogramme gebeten, Fans, Hände schütteln, Öffentlichkeit, Anerkennung und Aufmerksamkeit von allen Seiten, das war Derricks Lebenselixier.

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Nachruf vom Januar 2018 zum Tod von France Gall

von Andreas Vones

 

Sie war meine Erste - Tu étais le premier dans ma vie.

Sie schlich sich als erste Frau meines Lebens in meine Träume. Zu erwachsen erschien sie dem Jungen, der ich einst war,  damals nicht.  Irgendwie erreichbar, nicht “zu alt” und doch so fern.  Ihre Stimme und ihre Songs waren es damals nicht, die mich Poster von ihr aufhängen ließen. Ich habe sie in meinen Träumen auch nicht singen gehört …  Doch wenn France Gall  mit ihrem zauberhaft sexy Akzent deutsch sprach oder sang, war ich hin und weg.  Keine war so blond, so sommersprossig und so sexy (für mich). Keine trug derart kurze Röckchen oder solche Tops.  Meine Mutter ahnte ja gar nicht, dass es so was Kurzes überhaupt gibt.  "Die hat heute aber wieder einen breiten Gürtel um", stichelte sie mit einem verschmitzten Seitenblick zu mir und natürlich wurde ich rot.  Ich erinnere mich genau an meine unkeuschen Momente mit ihr. Immerhin schrieb “der” Gainsbourg den Hit “Les Sucettes” für sie und das Lied handelt von der Lust an einem Dauerlutscher. Doch wer Gainsbourg kennt (Jetaime) weiß genau, dass Serge niemals in seinem Leben an Zuckersüßigkeiten dachte...  schon gar nicht bei der Komposition eines Songs über Dauerlutscher.  

 

"Poupée de cire, poupée de son" verhalf Isabelle Geneviève Marie Anne Gall zum Sieg beim Grand Prix Eurovision de la Chanson. Ich möchte gar nicht wissen, wie sie der berüchtigtste und berühmteste französische Lover sonst noch so unter-stützt hat. Er gilt auch als ihr Entdecker. Wie auch immer, das wusste ich ja damals alles nicht, als ich  beim Fernsehauftritt zum Song "Zwei Apfelsinen im Haar und an der Hüfte Bananen" inbrünstig hoffte, das die gelben Dinger endlich mal beim Tanzen abfallen.  Nun ja, ich erinnere mich auch daran, dass sie die Posterwand schon kurz darauf mit “Ramona” teilen musste.  Es dauerte aber nicht lange und die Mädels wurden gegen CCA, Led Zeppelin, Doors, Moody Blues und Bob Dylan ausgetauscht. C`est la vie... 

 

Erst 1987 tauchte sie in meinen Ohren mit "Ella Elle L`A" wieder auf. Der Song  wurde weltweit ein Hit und sie erhielt erneut meine Aufmerksamkeit. Denn es ist eine Hommage an Ella Fitzgerald und die Grand Dame des Jazz durfte ich ein Jahr zuvor persönlich kennenlernen.  (Mit Benny Goodman) France Gall gehört zur Riege derer, mit denen ich im späteren Berufsleben gerne einmal zu tun gehabt hätte. Immerhin gefiel mir Ihre gereifte Stimme später auch wesentlich besser und der Wechsel vom verspielt zweideutigen  Pop zum "richtigen" Chanson war bemerkenswert. Das „Mädchen-Image“ konnte sie erst sehr spät abstreifen. Claude Francois hat sie inspiriert, doch der Weg vom Schlagergirl zur ernsthafteren Sängerin war steinig. Claude Francois konnte sie jedoch nicht langfristig erobern, obwohl, und das ist bemerkenswert, er ihr den Song “For you” widmete. Nur wenige Kenner der Szene wissen, dass daraus mit kleinen Änderungen der große Frank Sinatra Hit “My Way” wurde. Erst der deutsche Sänger und Komponist Michael Berger eroberte sie zunächst mit großen Hits, die er für sie schrieb und aus der musikalischen Gemeinsamkeit wurde eine Liebesehe, die durch Michael Bergers Tod 1992 jäh endete. Und schon ein Jahr darauf, 1993, wurde der nun tödlich zuschlagende Krebs bei ihr entdeckt. Aber schon 1997 starb ihre erste Tochter neunzehnjährig an der jahrelang währenden schweren Krankheit Mukoviszidose. Ein erfolgreiches Berufsleben, doch ein unbeschwertes Privatleben war ihr nicht vergönnt.  In Frankreich erhielt sie viele Auszeichnungen und nennenswert ist die Verleihung des Ordens zum "Ritter der französischen Ehrenlegion" für Ihr Engagement für obdachlose Frauen. Gestern am 7. Januar 2018 ist Isabelle gestorben, sie hat ihren unermüdlichen Kampf gegen den geduldigen Krebs verloren.  Ich werde sie niemals vergessen. / avtp, A. Vones

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Nachruf vom 12. April 2017 auf den Tod von Michael Ballhaus

Von Andreas Vones

 

Die Filmwelt trauert und ich möchte erinnern: ...an einen ganz großen Lichtbildkünstler dieser Welt und mit Abstand der beste Kameramann Deutschlands, gleichwohl ein charmanter, bescheidener und eindrucksvoller Mensch: Michael Ballhaus ist gestern mit 81 Jahren in Berlin gestorben.

 

Michael Ballhaus aus Berlin hat Regieträume wahr gemacht und Szenenbilder entwickelt, wie kaum ein anderer. Für Rainer Werner Fassbinder erfand der gelernte Fotograf die berühmte 360 Grad Kamerafahrt um Personen, eine szenische Technik, die von nahezu allen Kamerafrauen und Männern übernommen wurde. Mit Fassbinder drehte Ballhaus 15 Filme und begann zeitgleich mit Wolfgang Petersen zu arbeiten. Der Tatort "Reifeprüfung" wurde zum internationalen Spitzenfilm. Mit Fassbinder und Petersen drehte Ballhaus anschließend in den USA und erarbeitete sich ein legendäres Image. Er wurde Martin Scorseses "Director of Photographie" und der "Lieblingskameramann" von Francis Ford Coppola. Auch Robert Redford und Roland Emmerich drehten mit ihm berühmte Filme. Die Zusammenarbeit mit Fassbinder jedoch war auch für ihn so prägend, wie wohl für jede/n, die oder der, in welcher Position auch immer, mit dem "besessenen" Regisseur zusammengearbeitet hat.

 

Michael Ballhaus durfte ich bei Dreharbeiten mit Hans W. Geißendörfer "Der Zauberberg" kennenlernen, (Anmerkung: neben hoher Theater- und Filmkunst ist Geißendörfer gleichwohl der Erfinder der "Lindenstraße"). Bei Dreharbeiten ist der Set-Fotograf immer nicht nur auf das Wohlwollen der Akteure/innen vor der Kamera, sondern besonders auf die Zusammenarbeit mit Regie und Kame-ramann/frau angewiesen. Das Klicken der Fotokamera und der Blitz zum Aufblitzen wirken vernichtend auf die Ton- und Kameraarbeit. Um jedoch auch nicht gestellte Szenen authentisch einzufangen, setzte ich bei Dreharbeiten oft ein (legendäres) Nikon 400mm 2,8 Teleobjektiv ein (2,4kg), mit dem seinerzeit (Analogfotografie) große Distanzen überbrückt wurden. Nur so konnte ich auch aus nicht hörbarer Entfernung beachtliche Fotos machen. Ballhaus interessierte sich für den quirligen jungen Fotografen, seinerzeit noch lausbubenhaft in der visuellen Erscheinung, der nichts mehr hasste, als bewegungslos, ohne fotografieren zu dürfen, warten zu müssen. Michael Ballhaus war ein so angenehmer, künstlerisch in sich ruhender und ausgeglichener Mensch, der auch in angespannten Situationen immer besonnen, ausgleichend und beruhigend auf das gesamte Team einwirkte. Er war charmant, unaufgeregt perfektionistisch, immer lichtkünstlerisch im Kopf aktiv, tauschte sich aus, gab Tipps und bot Chancen. In dieser Zeit entwickelten sich lange währende Kontakte. So ent-stand beispielsweise einige Jahre später die erste private Familiengeschichte in Berlin-Zehlendorf mit seiner (ersten) Frau Helga und Sohn Florian Marc. Diese Zusammenarbeit mit Michael Ballhaus war menschlich und fotografisch einzigartig. Die erste Boulevard-Privatreportage mit Familie Ballhaus endete für mich auf der Gästecouch in Zehlendorf, da mir die Kreativgetränke keine Orientierung mehr ermöglichten.

 

Ich habe Michael Ballhaus bewundert und, ich gebe es zu, ein bisschen Neid auf das großartige Talent kann ich nicht verleugnen. 2013 hat Michael Ballhaus noch fotografisch die Produktion "3096 Tage" (Kampusch Entführung) betreut, jedoch nicht mehr alle Szenen selbst drehen können: denn langsam erblindete der große Lichtbildner. Ein furchtbares Schicksal, dass nur wenig bekannt wurde. Nun dreht der großartige Kameramann nicht mehr, doch seine Bilder werden auch dieses Jahrhundert bestehen und sein Können hat seinen verdienten Platz in der internationalen Filmgeschichte gefunden. Sein Tod berührt mich sehr und lanciert unterdrückte Erinnerungen an vergangene Zeiten im Bewusstsein. Zeiten, als Fotografieren und Filmen eine noch handwerklichere und künstlerische, aber materiell auch wertvollere Tätigkeit als heute war.

Florian Marc Ballhaus hat das großartige Talent seines Vaters in den Genen und sein Talent weiter perfektioniert. Zunächst als Assistent für Filme wie: Men in Black, Gangs of New York (an der Seite seines Vaters) oder Legend of Bagger Vance war er später für die Kamera glorreicher Produktionen verantwortlich: Sex in the City (I-III), Flightplan mit Jodie Foster, der Teufel trägt Prada und viele mehr. Vielleicht denkt Ihr beim Film gucken einmal an den Berliner Fotografen mit Wirkungsort Hamburg, der auszog um die Filmwelt zu verändern. Übrigens, nicht nur die Veränderung der Kamerakunst lag ihm am Herzen, sondern auch die Energieverschwendung und der Klimaschutz. Das „Ballhaus-Projekt“ bleibt wohl bestehen. Michael Ballhaus lehrte an der Hamburg Media School, an der Film- und Fernsehakademie in Berlin sowie an der Hochschule für Film und Fernsehen in München. / avtp, A. Vones

Auszüge aus Romanen:

Kriminalroman, geschrieben aus Sicht des Täters:

"ALEX, Blutige Spiele":

Prolog. Guten Tag. Mein Name ist Alex. Alexander Schmied (nicht Schmidt!)  und ich bin Handelsvertreter für Spielzeug. Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft mit einer charmanten Wesensart sind meine Natur. Einerseits. Andererseits gab es auch  21 Menschen, die mich nach dem Kennenlernen nicht mehr mochten. Sie können es aber niemandem erzählen. Sie sind alle gestorben, wobei ich ihnen leidenschaftlich mit sorgfältiger Akribie half. Denn das Mordhandwerk ist mein Hobby. Und ich bin gut in diesem Fach, eigentlich sogar qualifizierter als in meinem Job. Das eine ist mein Beruf, das andere meine Berufung. Ich schaffe perfekte Leiden und ich tue es aus eigener großer Lust heraus, ja, ich muss es einfach tun, das nennt sich wohl Leidenschaft. Jetzt wissen Sie also, was dieser Begriff tatsächlich bedeutet. Wenn wir uns einmal begegnen, ist es sehr gut möglich, dass Sie mein Können auf diesem Gebiet kennenlernen und wir gemeinsam ein beachtlich lustvolles Spiel zusammen spielen. Wenn Sie sich mir hingeben, denn das eine Voraussetzung für solch intimes Vertrauen.

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1. Es ist schon eine Krux mit der Langeweile während meiner Touren als Vertreter. Das ist nicht besser geworden in den vergangenen Jahrzehnten.  Eines ist  heute jedoch angenehmer als früher: Aus den ehemals fast immer großen Artikeln sind heute meistens Kleine und leichter geworden. Oft elektronisches, ziemlich cleveres Spielzeug, manche sammeln sogar Daten über den Spielkameraden, damit die Eltern erfahren, wie es dem Kleinen oder der Kleinen tagsüber ergangen ist. Die Ritterburg hat nahezu ausgedient und wurde durch viel echter wirkende digitale Games abgelöst. Puppen sind auch nicht mehr  in, wobei Barbie immer noch der Renner ist. Leider haben wir die Barbie-Ausstattung nicht im Programm.  Der Teddybär stirbt jedoch ebenfalls nicht aus, doch Schaukelpferde stehen heute nur noch als Dekorationsmittel in Wohnungen, die auf "alt und gemütlich" getrimmt wurden. Kinder kann man damit nicht mehr begeistern, schon gar nicht, wenn sie grad ein bisschen virtuell an der Playstation rumgeballert oder mit Nintendo todesmutige Rennen hinter sich gebracht haben. Sie ahnen es sicherlich: ich spiele lieber und mit der Realität.

 

Manchmal schließe ich Spielfreundschaften über einen längeren Zeitraum, sehr gerne mit Fans virtuell spannender Spiele. Es gibt kaum etwas Schöneres, als Menschen jeden Alters zu zeigen, wie aufregend und spannend das echte Leben sein kann. Solange die Jahre noch vor einem liegen, sollte man es mit großer Offenheit für neue Erfahrungen und für Empfindungen in allen Zügen genießen. Ich tue das jedenfalls und wenn ich spiele, bemühe ich mich immer, auch wirklich Zeit für das Spiel zu haben. Ich vergnüge mich sehr gerne mit großen Jungs, die schon was erlebt haben und glauben, sie wüssten bereits so viel über die Welt. Klar, mit Frauen spiele ich auch gerne, doch Männer sind als Spielkameraden überraschender. Kinder lade ich selten zum Spielen ein, doch es ist auch schon vorgekommen.

 

Derzeit wartet ein Spielkamerad im Keller  meines momentan gemieteten Ferienhauses auf mich, der mir sehr gut gefällt. Phillip  Sommer heißt der nette Mann, den ich im angrenzenden Park kennengelernt habe. Er ist geschieden, 42 Jahre alt und seine 2 Söhne im Alter von zwölf und siebzehn trifft er nur noch zu Feierlichkeiten und manchmal in den Schulferien. Phillip ist für eine Versicherungsgesellschaft tätig und klagte mir sein privates Leid. Es ist auch erkennbar, dass er meine unaufdringliche Ausstrahlung mag. Sein momentanes Leiden ist verglichen mit dem, was mir vorschwebt, und was noch auf ihn zukommt, wenig erwähnenswert. Auf eine komplizierte, für Außenstehende aber nachvollziehbare Weise kamen wir auf ein Glas Wein zusammen. Vielleicht wollte er sich wirklich nur mal aussprechen oder er hoffte auf einen neuen Freund.  Wie auch immer, er wird es noch herausfinden, denn er ist noch hier. Doch dazu komme ich noch.

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FANTASY Faedania - Saga: I / "Das magische Bild":

1/ Todesnebel im Tal

Schwarz wie die Nacht glitt der unheimliche  Nebel durch die letzten Baumreihen vor dem Tal, wo er kurz verharrte. Vom Licht der Sterne erhellt, lag die Flusslandschaft Danware vor ihm, die Heimat einer bemerkenswerten Lebensform. Geradewegs über die Wiese hinein in das Tal wollte der wabernde Schatten eigentlich nicht, doch nun wurden im Wald kleine Lampen entzündet, die in ihrer Anzahl steigend den Wald erhellten.

Erst waren es nur wenige Mooslampen, aber einige Augenblicke später schimmerten immer mehr  Lichter zwischen den Bäumen. Nicht entdeckt zu werden war das oberste Gebot des unheimlichen Nebels mit einem mörderischen Auftrag. Eben noch als Silhouette erkennbar glitt der schwarze Schleier über den Boden zum Fluss, der durch ganz Faedania bis ins Hügelland mit seinen zahlreichen Behausungen floss.

Drei Augenpaare beobachteten den unheimlichen Nebel über der Wiese. „Ein Todesschleier“, flüsterte Fendrik vom Wachtrupp der Damastener. Ratlos starrte er dem Nebel hinterher. Gegen  tödliche Schleiergespenster  war das Trio machtlos. In der Vergangenheit tötete ein solcher Geist schon zwei Mitglieder ihres Stammes. Man kann keine Messer oder Pfeile in einen körperlosen Nebel jagen. Zudem führten Berührungen des Nebels zwangsläufig in den Tod.  

Wortlos blickten die Wächter ins Tal. Plötzlich ergoss sich ein dichter Wasserschwall über den schwebenden Nebel. Mit einem  zischenden Geräusch war der Spuck vorbei. Das Wasser löste den schwarzen Dunst wie Säure auf. Selbst die drei Damastener erschraken, bevor sie entspannt schmunzelten.

„Auf das Thalassi-Volk ist Verlass nicht wahr?“, freute sich Takrok. „Ihre Magie im Einklang mit dem Fluss ist immer wieder erstaunlich.“

„Sie sind aber nur noch zu dritt. Die Letzten ihrer Art und wer weiß, was noch passiert.  Die Thalassi sind ein mächtiges Völkchen, die schon seit ewiger Zeit in Danware leben. Aber sie können das Tal nicht verlassen, ohne ihre  Lebenskraft zu verlieren. Sie sind an den Fluss gebunden. Die Gefahr ist nur für heute gebannt. Wir müssen das Leck im Schutzwall endlich finden. So darf das nicht weitergehen. Ich unterrichte den König, es muss doch irgendwo alte Aufzeichnungen geben. Und eine Waffe gegen diese, ... diese scheußlichen, was auch immer das ist. Sobald es hell wird, senden wir dem König eine Botschaft“, entschied Lorian.

Fendrik nickte gedankenversunken. Schwitzend riss er sich die erdfarbene Mütze herunter. Sofort federten seine langen blauen Haare hervor.

Weit entfernt am anderen Ende des Reichs mündete die Enttäuschung in einem Tobsuchtsanfall. Durch die Augen ihres Uhus hatte die Schwarzmagierin Marganda das Schicksal ihres Schleiergeistes beobachtet.

„Die verfluchten Thalassi! Wir werden das Wasser vergiften, die letzten ihrer Art vernichten und das  Volk zu unserem machen. Es wird uns gelingen!“

Die Herrscherin der Eisregion  tobte und jagte aus ihren schmalen Fingern Blitze in den Nachthimmel, wo sie grell über dem unheilvollen Gemäuer zuckten. Unter den Blitzen glitzerte der vereiste Boden. Gewaltige Krieger mit Geweihen an ihren Helmen warfen gruselige Schatten an die Felshänge. Das Donnern hallte vom Gebirge reflektiert durch das karge Land. Markerschütternd folgte ein Chor mit gutturalem Knurren aus den Höhlen, obwohl es kaum denkbar erschien, dass in der felsigen Eislandschaft mit seinem unüberwindlichen Gebirge überhaupt Leben möglich war.

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Des Schicksals magische Wege

„Bist du dir sicher?“, fragte Amira verwirrt. „15.000 Euro sind eine Menge Geld für das große Gemälde mit den beiden kleinen Bildern. Meine Güte, das kannst du doch nicht einfach ablehnen. Dein erster Verkauf in einer Galerie.  Von dem Geld kannst du sorglos einige Monate leben.“

Unaufgeregt blickte Manou aus dem Fenster und meinte lapidar: „Das mag sein, es ist aber noch nicht fertig. Ich habe  ja noch etwas Geld.“ Damit war das Thema für sie erledigt.  Amira stellte die Entscheidung ihrer Freundin still in ihren Gedanken in Frage.

In seinem Artikel zur Ausstellung erwähnte JP die „bemerkenswerte Fantasie einer jungen Künstlerin, die mit begnadeter Maltechnik präsentierte wurde.“ Die Künstlerin erwähnte er nur einmal mit ihrem Vornamen, aber immerhin. Das verwendete Portrait war schon etwas älter.  In der Szene sprach man auch ohne JP über ihre Bilder und vielleicht, da war sich Amira nicht sicher, machte Manou es richtig. Bewusst oder unbewusst initiiert, wurde sie durch ihre Verkaufsablehnung noch interessanter und die Bilder damit mysteriöser.

Während Manou malte, hatte Amira einen Aushilfsjob im staatlichen Museum angenommen. Sie sollte die Ausstellungsdurchgänge digital neu gestalten, weil in Kürze eine umfangreiche Leihgabe eines millionenschweren Kunstsammlers erwartet wurde. Für zunächst zwei Jahre stellte er 24 Werke zur Verfügung und daher bedurfte es einer anderen Gestaltung der Ausstellungsflächen. Die Aufgabe hatte weniger mit Kunst, sondern mit organisatorischer Präsentation zu tun. Da es sich um Gemälde alter Meister handelte, hatte Amira großes Interesse an diesem gestalterischen Planungsjob. Mit historischen Künstlern kannte sie sich aus und ging begeistert an die Sache ran. Davon abgesehen brauchte sie das schmale Einkommen aus dem Job.  Ausreichend Zeit für Gemeinsamkeiten blieb den Freundinnen vorerst nicht.  Die Abende verbrachten sie  zusammen in der kleinen, urig gemütlichen Küche ihrer Wohnung immer öfter auch mit Freunden, die wiederum Bekannte mitbrachten, weil sie Manou kennenlernen wollten oder mit Amira flirteten. Sie alle waren meist irgendwie mit Kunst im weitesten Sinne beschäftigt. Wohlhabend war niemand von ihnen, dafür aber unterhaltsam. Abends füllte sich die kleine Wohnung oft mit einem bunten Mix verschiedenster Typen.

Amira wurde von Männern umschwärmt. Sie vereinte ihr hübsches Aussehen mit selbstbewusstem Auftreten. Die asiatischen Gesichtszüge hatte sie von ihrer Mutter ebenso geerbt, wie ihren liebenswürdigen Charme. Konträr dazu liebte sie auffälliges Outfit. Sie trug gerne Hüte, meistens einen klassischen braunen Stetson, dazu ein buntes Hemd mit Fransenjacke. Wenn es zum Anlass passte, erschien sie in einem eleganten oder bunten Kleid. Farbige Strähnen gehörten in ihre  schwarze Haarpracht wie die schrille Sonnenbrille  in ihrem Gesicht, die allein schon Aufmerksamkeit hervorrief. Manou vermied Auffälligkeiten. Schlichte Shirts und Jeans riefen keine Aufmerksamkeit hervor, doch Ihr blonder Kurzhaarschnitt betonte das fein geschnittene Gesicht.  Sie war meist die Unauffälligste auf den Schnappschüssen, die Amira regelmäßig bei Instagram neben Fotos aus ihrem Job postete. Das moderne Team im Museum machte mit und freute sich über die Zusatzwerbung.

Manou war nicht im Web aktiv. „Für sowas habe ich keine Zeit und da ich meine Bilder nicht allen Leuten zeigen will, weiß ich eh nicht, was ich dort veröffentlichen sollte“ antwortete sie, wenn jemand fragte.

Ob in der Uni oder an den Abenden in Gesellschaft zuhause, stand  Amira im Mittelpunkt. Sie redete und flirtete gerne. Für sie war es Spiel, doch bisher konnte sie keiner erobern. Manou wirkte  unnahbar, was in ihrem Naturell lag. Männern gelang es selten, die unsichtbare Schwelle zu übertreten, um sie näher kennenzulernen. Doch es gab neuerdings eine Ausnahme. Juan gewann ihr Interesse schritt-weise mit Geduld, Charme und Witz, das über freundliches Zuhören und ein paar Wortwechsel hinausging. Er war der Sohn eines Holländers und einer Kolumbianerin, was ihm ein auffälliges Gesicht bescherte. Seine Art mit angenehmen Verhaltensweisen bestätigte sein Aussehen auf sympathische Art. Er kam temperamentvoll und dennoch freundlich zurückhaltend daher. Nur knapp einen halben Kopf größer als Manou war es nicht seine Körperlichkeit die ihre Aufmerksamkeit hervorrief, sondern seine Ausstrahlung. Zwischen den beiden ergab sich behutsam ein Vertrauensverhältnis, zumal Manou ebenfalls von national unterschiedlichen Eltern abstammte. Vielleicht verstanden sie sich deswegen so gut. Als sie sich eines Abends innig küssten, bekam Manou weiche Knie. Wow, dachte sie, das war einzigartig, aber es sollte nicht einmalig bleiben. Juan war eindeutig weit über einen Flirt hinausgehend verliebt und zeigte das auf charmante einfallsreiche Art. Manou dankte es ihm damit, dass sie mentale Nähe zuließ und ihn nach einem der Treffen mit Farbstiften wunderbar authentisch zeichnete. Natürlich war er entzückt und was Manou besonders gefiel: Er ging mit dem persönlichen Geschenk nicht hausieren, sondern genoss die Freude diskret für sich. Am liebsten hätte er sich jeden Tag mit ihr getroffen, doch Manou ließ es langsam anlaufen. Mit dem Begriff Liebe tat sie sich schwer. Vertrauen braucht Zeit und muss verdient werden.

Der frühe Tod ihrer Eltern kam ihr noch immer wie ein böser Verrat des Schicksals vor. Damals war sie erst zwölf und es trugen sich seltsame, unschöne Dinge zu. Der tödliche Unfall wurde offiziell nicht hinterfragt, aber für sie lag nicht nur das fatale Unglück, sondern auch das Leben ihrer Eltern in einem Schleier düsterer Geheimnisse. Erst am Grab wurde ihr klar, dass sie über ihre Eltern kaum etwas wusste. Was war ihr Beruf? Wieso reisten sie so oft und warum erzählten sie zu Hause nichts darüber? Nur fünf Leute kamen zur Beerdigung. Ein befreundetes Pärchen, zwei Verwandte und ein Kollege der beiden. Ihn hatte Manou vorher noch nie gesehen, worüber sie froh war. Ein unsympathischer, unheimlicher Typ. Dem drahtig gebauten Mann sah man seine verbissene Willenskraft deutlich an. Das Alter des hochgewachsenen Typs war nicht einschätzbar, aber er schien wesentlich älter als ihre Eltern zu sein. Er sprach kaum ein Wort, murmelte seine Beileidsbekundung mit einem komischen Akzent und verschwand so unerwartet, wie er gekommen war.

Manous Eltern hinterließen ihr neben der Wohnung und einem alten Häuschen auf dem Land mehr Fragen, als sie verkraften konnte. Der Tod riss ihr bisheriges Leben entzwei. Völlig unvorbereitet musste sie bei  Verwandten ihres Vaters wohnen, die sie zuvor nur zweimal bei Familienbesuchen gesehen hatte. Ihre neue Familie wohnte in Rotterdam, also musste sie zu allem Übel auch noch die Schule wechseln. Ihr Leben entwickelte sich danach so schlecht wie ihre Schulnoten. Sie sackte stark ab, was von den Lehrern zunächst toleriert wurde. Immerhin hatte sie das Schlimmste zu verarbeiten, was einem Kind passieren konnte und sie musste sich erst mal mit allem zurechtfinden. In der neuen Klasse dieser schweren Zeit lernte sie Amira kennen, die durch ihre lebenslustige Art auffiel. Amira fand die Neue in der Klasse interessant, die nachdenklich alles um sie herum zu beobachten schien und distanziert wirkte. Manchmal sah sie das traurige Mädchen beim Zeichnen, was Amiras Neugierde steigerte. In der Klasse wussten natürlich alle etwas über Manous Schicksal, was hier und da mit Gerüchten verwoben wurde. Amira war das Gerede egal und darüber, ob es Empathie, Mitleid oder nur Neugierde war, machte sie sich keine Gedanken. Unvoreingenommen sprach sie Manou an, während die anderen Mädchen und Jungs Abstand hielten, weil sie nicht wussten, wie sie mit ihr umgehen sollten.

„Hey, ich bin Amira. Wenn du willst, zeige ich dir alles. Die Schule ist ziemlich groß. Da kannst du locker in irgendeinem Gang verdursten, wenn du dich verläufst. Wir haben übrigens einen eigenen Sportplatz und Pausenräume zum chillen.“

Schon nach kurzer Zeit konnte Amira ihre neue Mitschülerin immer öfter vom Mäntelchen der Traurigkeit befreien. Beide Mädchen interessierten sich für Kunst. Niemand sonst in der Klasse hatte dafür etwas übrig. Diese Gemeinsamkeit verband sie und Amira durfte sogar sehen, was Manou zeichnete. Es waren famose Portraits oder alltägliche Situationen, die sie authentisch mit Bleistift festhielt. Auch an einigen Skizzen einer seltsamen Fantasiewelt arbeitete sie. Amira konnte nur staunen, denn ihr fehlte das Talent für solche Bilder. Dafür konnte sie Räume und alles Geometrische perfekt wiedergeben und wusste viel über die Kunstepochen alter Meister. Ihr Lieblingsmaler war kein Holländer, sondern der deutsche Künstler Albrecht Dürer. Als Manou in der Bibliothek Dürers Werke in einem Buch betrachtete, verstand sie ihre Freundin. Albrecht Dürer konnte fotografisch malen und legte enormen Wert auf kleinste Details.

Das ungleiche Duo wurde über die Jahre zu engen Freundinnen.

Bis zum Abitur wohnte Manou bei den Verwandten ihres Vaters in Rotterdam, mit denen sich kein harmonisches Familienleben ergab. Mit einem famosen Abitur in der Tasche bezog sie mit 18 die alte Dachwohnung in Eindhoven und konnte endlich ihre Leidenschaft des Malens entfalten. Das kleine Landhaus verkaufte sie. Der Preis lag zwar unter dem vermuteten Marktwert, aber sie konnte die Dachwohnung renovieren lassen, den Balkon  sichern, das Bad verschönern und mit dem Rest der Kaufsumme kam eine Portion Sorglosigkeit in ihr Leben. Alsbald zog Amira bei ihr ein, zumal sie beide, wenn auch mit unterschiedlichen Studiengängen,  die gleiche Universität besuchten.

Vierzehn Jahre waren seit dem tragischen Unfall mit dem Verlust ihrer Eltern vergangen, doch ihre seltsamen Träume von einer anderen Welt, die nach dem Tod ihrer Eltern begannen, ebbten nicht ab. Im Gegenteil. Oft träumte sie so intensiv, dass sie all das, was sie dort entdeckte, erst auf Papier und später auf Leinwand malte. Mit Amira konnte sie darüber reden und die Freundin machte ihr Mut, die Bilder nicht mehr zu verstecken.

„Du musst ja nicht erzählen, dass du deine Träume malst. Sie gehören aber an die Öffentlichkeit, zeig sie! Du hast ein großartiges Talent.“  

Erst zierte sie sich, doch die große Ausstellung in der Galerie „Art Future“ war verlockend. Einmal ausprobieren, was die Leute zu ihren Bildern sagen. Mit Kaufangeboten rechnete sie gar nicht.

Auch Juan kannte ihre Traumbilder noch nicht, die Manou wie ein Geheimnis hütete. Sie fühlte sich zwar wohl mit ihm und in seinen Armen spürte sie eine andere Geborgenheit als mit Amira. Aber sie wusste, das ist ein trügerisches Gefühl, dem sie nicht blind vertraute. Es konnte jederzeit zerstört werden. Eng vertraut war sie nur mit Amira. Sie kannten gegenseitig alle ihre Geheimnisse und Manou wusste sehr wohl, dass die wahre Seele ihrer Freundin wesentlich sensibler reagierte, als es die extrovertierte Exotin signalisierte. Gemeinsam hatten sie tiefe Täler durchquert und manche Höhepunkte ihres jungen Lebens gemeinsam gefeiert. Daher hatte es kein Mann einfach und die Freundschaft zwischen ihnen prüfte jeden, der ihnen näher als üblich kam.

In der neuerdings knapp bemessenen Zweisamkeit erzählte Amira von ihren komplexen Aufgaben und das sie mit einem Lichtkünstler zusammen arbeitet, der für die beste Beleuchtung sorgen soll. Manou zeigte ihrer Freundin indessen eine interessante Farbe, die an Türkis erinnerte und doch anders leuchtete.

„Ich experimentiere mit Acryl und probierte neue Mischungen aus. Das hier ist doch interessant, oder? Ich will es für Feinarbeiten am Traumland einsetzen.“ Die Kreativität ihrer Freundin faszinierte Amira immer wieder aufs Neue. 

Manous Träume rissen nicht ab und eines Abends erzählte sie Amira von einem Traum der vergangenen Nacht, der sie verunsicherte.

„Das war echt unheimlich. Erst begann alles so, wie in den anderen Träumen. Jeder Traum zeigt mir was neues, aber immer in diesem seltsamen Land, mit dem urigen Wasserwesen am Fluss und den Jungen, du weißt schon, der mit blauen Haaren und farbigen Augen. Doch heute Nacht, da war es anders. Irgendwie bedrohlich, ich hatte Angst, keine Ahnung vor was.“

Mit  ruhiger Stimme erzählte sie von ihrem Flug über das fantastische Land ihres Traums und wie sie den jungen, ungewöhnlichen Mann erneut entdeckte, der sie dieses Mal überraschend ansah, sonst hatte er nie Notiz von ihr genommen. Manou war sich sicher, dass er ihr etwas zurief, sie konnte es an seinen Lippen erkennen  und er sah sie dabei an. Aber sie hörte seine Stimme nicht. Und dann war da plötzlich dieses böse Gesicht einer Frau, die sie heranlockte. „Gruselig, echt beängstigend.“

„Im Traum hört man nichts“, murmelte Amira. „Hören, sprechen und riechen funktionieren nicht im Traum. Es sei denn, du träumst nach einer Flasche Wein“, setzte sie grinsend nach. Ihr freches Grinsen gehörte zu ihrem Gesicht wie die Nase oder der Mund. Amira ohne freches Grinsen wäre nicht sie selbst.

„Ich mach mir Sorgen. Lodi, was auch immer in deinem Kopf vor sich geht, kann nicht dauerhaft gesund sein.“ Nur Amira durfte sie mit ihrem zweiten Vornamen  ansprechen, wie es einst ihre Eltern taten.

Manou nahm ihre Mahnung nicht ernst. Es schien ihr normal, lebhaft zu träumen. „Manche mehr, andere weniger“, dachte sie.  So vergingen die Tage stets ähnlich, bis Amira im Museum einen Anruf aus Spanien erhielt. Ein Telefonat, das sie aus der Bahn warf und vor elementare Probleme stellte.

„Ich muss unbedingt mit ihr darüber reden. Verdammt, wie sag ich es ihr?“ Sorgenfalten zeichneten sich in ihrem Gesicht ab. Sie seufzte  und spürte eine Träne im rechten Auge. Das linke schloss sich an und die salzigen Tropfen purzelten ihre Wangen hinab.

„Mist!“, rief sie und wischte sich genervt die Traurigkeit aus den Augen. „Gleich heute spreche ich mit ihr, sie wird es verstehen!“, nahm sie sich vor. Doch dazu kam es noch nicht. Auch am nächsten Tag nicht. Ihr fehlte der Mut und gerade jetzt kamen mehrfach gemeinsame Freundinnen und Freunde abends zu Besuch. Amira wirkte abwesend, machte den einen oder anderen Spaß mit, aber gleich darauf grübelte sie wieder mit ernstem Gesicht über ihr Problem nach, das in ihrem Kopf herum spukte und sie blieb ungewohnt still.

„Was hat sie bloß?“ fragte sich Manou im Stillen und laut: „Hast du Sorgen im Job, ist irgendwas nicht in Ordnung?“

Amira wollte es herausbrüllen: „Nein, nichts ist Ordnung, ich muss nämlich umziehen“, aber sie sagte einfach nur: „Ne, alles ist gut.“

Auch am nächsten und übernächsten Tag fand sie nicht den Mut zur Wahrheit. Doch dann musste es einfach sein. Amira kratzte ihren letzten Mumm zusammen und lud Manou zum Essen in ihr gemeinsames Lieblingsrestaurant ein. Den Grund behielt sie noch für sich und Manou dachte nicht weiter darüber nach. Sie freute sich darauf. Auf dem Weg zur Bahnstation erzählte sie ihrer Freundin, dass noch ein Kunstsammler an Werken von ihr interessiert sei. „Frederike van Damme  drängelt, ich soll möglichst schnell noch so was malen. Als wenn ich das mal eben in einigen Tagen erledigen könnte“, ärgerte sie sich und Amira lachte: „Sie weiß ja nicht, dass du immer erst mal nächtelang träumen musst, bevor sich die Leinwand langsam füllt.“

Amira blieb ungewöhnlich nachdenklich, was sich auch am Busbahnhof nicht änderte.

Manou bildete zu Amiras schickem Look wieder einen deutlichen Kontrast. Abgesehen von ihrer unnahbaren Art mit einem schönen Gesicht, das jeden Maler begeistert hätte, war die geheimnisvoll wirkende Aura das Auffälligste an ihr. In Jeans mit einem schlichten Sweatshirt und einer schlabbrigen, offen getragenen dunkelgrünen Jacke schien es so, als wolle der hübsche Blondschopf die eigene Attraktivität kaschieren. Damit erreichte sie aber genau das Gegenteil und trotz der wuselig rasanten Hektik geriet ihr Erscheinungsbild in den Fokus nicht weniger Männer, aber auch von einigen Frauen. Manche dieser Blicke zeigten deutliche Wünsche, andere wiederum  erweckten einen weniger zudringlichen Eindruck.  Amira zog die Aufmerksamkeit auf sich und erst dann geriet Manou in den Fokus. Amira war es gewöhnt. Sie genoss es und maß dem keine weitere Bedeutung zu. Manou jedoch bemerkte die Blicke nicht.

Im vollen Restaurant angekommen, das sich zum Treffpunkt vieler junger und älterer Kunstschaffender jeglichen Genres gemausert hatte, blieb Amira weiterhin wortkarg. Eigentlich wollte sie ihre Freun-din schon unterwegs darauf vorbereiten, was sie mitzuteilen hatte. Aber es war einmal mehr kein guter Zeitpunkt. Gespannt wartete Manou bestens gelaunt bei einem veganen Mahl auf die Neuigkeit ihrer Freundin. Amira wirkte niedergeschlagen und wurde bis zum Nachtisch immer nervöser.

„Manou, Ich muss dir was gestehen.“

Verlegen schaute sie auf den Boden, dann strich ihr Blick Manous fragenden Gesichtsausdruck, um gleich darauf verschämt auf ihren leeren Teller zu sehen.

„Ich wollte es dir schon in den vergangenen Tagen erzählen. Aber irgendwie gab es keinen passenden Moment und ich traute mich nicht. Aber jetzt muss es sein!“ Sie atmete tief durch, seufzte und sah ihrer Freundin in die Augen.

„Mein Job für die Ausstellungsvorbereitung ist erledigt und vor 2 Wochen erhielt ich einen Anruf aus Spanien. Professor Fuller, der an der Uni mal über Museen referierte, erinnerst du dich?“

Manou dachte kurz nach und nickte, damit Amira weitersprach.  „Er hat ein Projekt übertragen bekommen und möchte mich als seine Assistentin nach Madrid holen. Ich werde gut bezahlt und die Modernisierung des Kunstmuseums mit all den Ausstellungen, ja, das ist genau mein Ding, genau das, was ich eigentlich schon immer gerne machen wollte.“

Stocksteif begriff Manou die Worte, die wie Granaten schmerzhaft einschlugen und in ihrem Kopf widerhallten. Amira reist nach Spanien, weg von mir, weg aus unserem gemeinsamen Leben, fort aus der Wohnung und aus Holland.

„Manou, sag doch was! Bitte ...“

Beide schauten sich in die Augen und Amira sah Manous Lebensfreude verglimmen. Ihre Enttäuschung mit Wut und Trauer bekam Manou diszipliniert unter Kontrolle. Sie zeigte ihre Gefühle nicht gerne und schon gar nicht solche.

„Na ja, Glückwunsch, das ist ein super Karriereschub für dich. Ich gönne es dir.“

Ihr Ton war eisig und einen Moment ärgerte sie sich über sich selbst. „Du solltest es ihr wirklich gönnen!“, zischte ihr Gewissen. Frostig fragte sie jedoch nur „Wann?“

„Morgen, ganz früh. Erst mal für vier Wochen, dann komme ich einige Tage zurück, um  Sachen aus der Wohnung zu holen und um mich von den anderen zu verabschieden. Natürlich bezahle ich meinen Teil noch einige Zeit weiter“, hauchte sie die Hiobsbotschaft über den kleinen Tisch und ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Deswegen wollte ich heute noch einmal mit dir ein paar Stunden verbringen und zusammen essen.“ Amira konnte ihre Tränen nicht länger drosseln, die nun ihre Wangen hinab kullerten.

„Ich war auch drauf und dran abzusagen, aber so eine Chance, nein, die bekomme ich nicht wieder, oder?“ Sie schniefte und ihre Stimme versagte bei dem Versuch, die Fassung zu wahren. Sie wusste nur allzu gut, wie stark die Bindung zwischen ihnen war. Seit dem tragischen Unglückstod von Manous Eltern war sie ihre einzige Bezugsperson. 

„Und vielleicht tauge ich gar nicht dafür und bin schneller zurück, als du glaubst“, setzte sie nach, um ein Gefühl der Endgültigkeit zu vermeiden. Manou nickte sprachlos während sie sich verzweifelt bemühte, nicht zu weinen.

Bedrückt brachen sie auf. Anders als sonst blieben sie schweigsam. Für beide war die vor Kreativität sprühende Stadt zu einer liebgewonnenen Heimat geworden. Aber an diesem Tag  saßen sie mit ganz anderen Eindrücken und Gefühlen im Bus. Amira hatte Tränen in den Augen und traute sich nicht, ihre engste Freundin neben sich anzusehen. Manou war nicht nur traurig, sondern erschüttert. So sehr, dass sie das Gefühl hatte, den Boden unter ihren Füßen zu verlieren und fortan nicht mehr zu wissen, wie das Leben für sie weitergehen könnte.  Das sagte sie aber nicht. Seit vielen Jahren waren Amira und Manou ein unzertrennliches, eingespieltes Duo. Für die Ewigkeit, dachten sie mal, doch nun standen sie urplötzlich vor der Trennung. Zuhause verschwand Manou wortlos in ihrem Zimmer. Kurz bevor sie die Tür erreichte, hörte sie Amira noch sagen.

„Lodi …“ aber Manou fiel ihr ins Wort:

„Lass es bitte, Amira! Flieg morgen nach Madrid. Es ist in Ordnung, ich freue mich für dich! Auch wenn ich es nicht so zeigen kann. Ich bin traurig um die Trennung, doch für dich freue ich mich ein bisschen.  Aber weck mich nicht, wenn du gehst. Es ist schon so schlimm genug!“

In ihrem Zimmer ließ sie ihren Gefühlen freien Lauf und weinte so heftig, wie seit dem Tag der Beerdigung ihrer Eltern nicht mehr. Erschöpft blickte sie auf  ihre Leinwand, auf der ein neues Bild mit der Landschaft ihres Traumlands entstand. Bisher war sie nach solchen Träumen immer unsicher, ob sie einen Blick in einen anderen Kosmos werfen durfte oder ob das alles reine Fantasie eines Traums war.  Und wenn das der Fall wäre,  drängte sich die Frage nach dem „Warum“ auf.

„Warum träume ich sowas“ auf. „Amira ist morgen fort, mit wem soll ich dann über ihn und meine Träume reden?“

Mutlos fiel sie aufs Bett und schluchzte sich in einen unruhigen Schlaf, der sie abermals in das Traumland entführte. Nach wenigen Minuten träumte sie eindringlich und deutlich.  Dabei bewegte sie sich sanft in der Höhe über die merkwürdigen Landschaften und wollte am liebsten nie wieder erwachen. Erstmals vernahm sie im Schlaf Geräusche und hörte  das Plätschern von Wasser. Im Traum wurde ihr aber nicht bewusst, wie ungewöhnlich das war. Am Flussufer sah sie das hübsch anzusehende skurrile Wesen wieder, das sich irgendwie aus Wasser und einem organischem Stoff zusammensetzte. Manou staunte über ihre weibliche Figur, das hatte sie zuvor nicht entdeckt. Die türkisfarbenen Augen waren ebenso markant wie ihre langen grünen Haare. Das Wesen machte einen fröhlich verspielten Eindruck und spritzte das kristallklare Nass kichernd auf wundervoll exotischen Blumen in jeder erdenklichen Farbe. Ebenso farbenprächtige  Schmetterlinge verschiedenster Größe sowie Bienen und allerlei andere Fluginsekten tummelten sich rund um die Blüten.  Das hatte Manou schon einmal gesehen. Obwohl sie schlief, spürte sie eine unerklärliche Verbundenheit mit dem Wesen am Fluss und der fremden Welt. Sie wühlte  im Bett nicht mehr hin und her, sondern entspannte sich. Doch mit jedem weiteren Meter, den sie am Rand des unermesslich großen Waldes zurücklegte, entwickelte sich ein Gefühl der Unsicherheit. Oder war es die Angst, dass sie all das nicht träumte und dass sich durch die Traumwelt etwas in ihr verändert? Hinter dem höchsten Hügel, dessen saftiges Gras von Kühen und Widdern gleichermaßen gezupft wurde, entdeckte sie aus luftiger Höhe erneut den kuriosen Typen mit seinen langen blauen Haaren.

„Hallo!“, rief sie, doch ihre Stimme versagte, kein Laut kam über ihre Lippen. Immer weiter ging ihre Reise und führte sie über einen unermesslich großen Wald. Einige der Bäume machen den Eindruck, als seien sie mehr als nur Bäume, sie bewegten sich, oder doch nicht? Manou sah Nebelschwaden, die auch nicht einfach nur wie Nebel wirkten. Als sie sich vom Waldrand entfernte und immer weiter flog, wurde es kälter. Sie begann zu frösteln.

„Nein! Nicht weiter, da will ich nicht hin!“

Der Traum hörte nicht auf sie und es ging  mit zunehmender Dunkelheit hinein in die Kälte. Die Gegend war unheimlich. Am Horizont sah sie Blitze am Himmel und unter ihr eine vereiste Berglandschaft. Es wurde bitterkalt.

„Ich erfriere!“, schrie sie vor Kälte und Angst zitternd.  Plötzlich starrten sie zwei Augen an, direkt vor ihr, wie eine flimmernde Fata Morgana mitten in der Luft, kein Gesicht, kein Körper, sondern nur der stechend böse Blick einer Frau, die ihr im Traum schon einmal begegnete. Erschrocken hörte sie eine Stimme:

„Komm zu mir, komm, wir gehören zusammen. Ich brauche dich. Gemeinsam beherrschen wir die Welt, komm!“ 

Manou erschrak panisch, zuckte zurück und fiel herunter. Sie fiel und fiel, es gab kein Halten.

Der Sturz katapultierte sie vom Bett auf den harten Holzfußboden ihres Zimmers. Der Aufprall weckte sie unsanft und rasende, an den Schläfen pulsierende Kopfschmerzen tobten sich hemmungslos aus. 

„Aus dem Bett gefallen“, murmelte sie und hielt benommen den Kopf unter  das fließend kalte Wasser des Waschbeckens.

„Verdammt, was war das denn?“, fragte sie sich im Spiegel. „Wer bist du?“ und nach einer kurzen Pause flüsterte sie:  „Was bist du? Verlierst du jetzt den Verstand?“

Gerade wollte sie zur Tür hinaus und nach Amira rufen, als ihr wieder alles einfiel. Der Abend, das Desaster, die Trennung. Es war still und dunkel in der Wohnung. Amiras Zimmertür stand offen und der Raum war verlassen. Genauso fühlte sich Manou in diesem Moment und ihr liefen wieder Tränen die Wangen hinunter.

„Amira ...“, stammelte sie hilflos. Entmutigt rutschte sie mit dem Rücken an der Wand hinunter auf den Boden, wo sie schluchzend das Gesicht in ihre Hände vergrub, die vom Mondschein erhellt so kreidebleich wie ihr Gesicht schienen. Schmerzhaft spielten Amiras Worte Pingpong in ihrer Seele.

„Ich verstehe dich ja, aber was mach ich ohne dich? Vielleicht reise ich einfach hinterher, nach Madrid? Dort kann ich auch malen“, schluchzte sie verzweifelt bemüht, nicht vollständig die Fassung zu verlieren. Sie riss sich zusammen.

„Verdammt!“, fluchte sie, was ungewöhnlich war. Amira, ja, die schimpfte, fluchte und wurde auch mal laut. Aber Manou? Nein, das war nicht ihre Art. Sie wechselte zurück in ihr Zimmer und blickte durchs Fenster auf die noch unbelebten Gassen. So früh am Morgen schien noch der Mond, auf der anderen Seite des Horizonts zeigten sich die ersten Sonnenstrahlen.  Heute leuchtete der Mond in den Morgenstunden noch gleißend hell, als wolle er ihr mit seinem Licht Trost spenden.

„Du scheinst dein Lichtkleid jede Nacht  zu wechseln“, sagte sie hinauf zum Trabanten der Erde. „Man erkennt nicht sofort, dass du nicht einfach nur weiß oder gelb bist, nein, es sind Nuancen dieser Töne und ich habe keine Ahnung, wie man sie auf die Leinwand überträgt.“ So viele kleine und vermutlich riesige Sterne und Planeten drängelten sich um den Erdtrabanten, dass sie sich gar nicht satt sehen konnte. Von Minute zu Minute wurde die Strahlkraft im aufgehenden Sonnenlicht schwächer, während Ihr Traumerlebnis die traurigen Gedanken verdrängte.

„Was wäre, wenn meine Träume keine Träume sind?“, sinnierte sie. Um Details in ihren Erinnerungen bemüht, konzentrierte sie sich auf den vergangenen Traum und widmete sie sich wieder der Staffelei. Konzentriert veränderte sie die Struktur des begonnenen Bildes. Der Tag ging schon auf Mittag zu, als sie den jungen Krieger mit seinen blauen Haaren skizzierte.

„Du kommst später dran“, flüsterte sie und unterlegte den Hintergrund am Horizont mit matt schimmernder, dunkelblauer Farbe. Als sie den Pinsel am urigen Typ ansetzte und nach den violett schimmernden Ohren seine Augen malte, erklang eine Stimme in ihrem Kopf, oder sprach die Leinwand zu ihr?  Die Worte klangen entfernt und waren dennoch verständlich:

„Komm nicht näher, das ist gefährlich!“

Abrupt verharrte sie.

„Was?“ Irritiert starrte sie auf die Leinwand und lauschte wie ein Wolf auf der Jagd.

„Lodi!“, rief sie zu sich selbst. „Reiß dich zusammen. Fantasie ist das eine, fremde Stimmen hören führt schnurstracks in die Klapsmühle, nein!“

Trotzdem ging sie mit ihrem Gesicht näher an die Staffelei, ob sie nicht doch irgendwas Ungewöhnliches hören könnte. Manou bemerkte nicht, wie ihr Körper transparent wurde. Aus der Entfernung betrachtet erschien sie wie ein flimmernder Umriss einer Fata Morgana. Niemand hätte geglaubt, was zu sehen war,  und dennoch passierte es. Die Malerin setzte den Pinsel an und ignorierte  ihre plötzliche  Angst, für die es keine logische Erklärung gab.

„Ich bin müde“, flüsterte sie und versuchte die Augen aufzuhalten. Es schien,  als würden sich die Skizzen und ausgemalten Motive in ihrem Bild bewegen. Das war das Letzte, was Manou bemerkte, bevor sie mit dem Bild verschmolz. Es sog sie förmlich hinein. Nur der heruntergefallene Pinsel und ein blauer Klecks auf dem Fußboden erinnerten daran, dass sie hier eben noch an ihrem Bild malte.

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2 / Fantastische Aufregung 

In der Galerie „Art Future“ im Zentrum Eindhoven  herrschte an diesem Abend ungewöhnlicher Trubel. Die Präsentationen der Galerie „AF“ waren seit einigen Jahren weithin bekannt und geachtet.

Frederike van Damme war es gelungen, sich mit dem „richtigen Blick“ und einem erfolgreichen Gespür für Zeitgeist einen Namen zu machen.

Bekannt dafür, Talente mit glorreicher Zukunft zu entdecken, konnte man hier Objekte mit enormem Wertzuwachs ergattern. Die meisten Werke stammten von Künstlerinnen und Künstlern, die  an einer der zahlreichen holländischen Hochschulen Kunst, Design oder Malerei studierten.

Die aktuelle Ausstellung präsentierte Fantasieprojekte noch unbekannter junger Kunstschaffender. Plastiken, skurrile sowie spannende Installationen und die ausgewählten Bilder zogen eine imposante Mischung von Menschen quer durch die Generationen und durch alle sozialen Schichten an. Der Mix zelebrierte ein Event der besonderen Art und wer etwas auf sich hielt, wollte dabei sein. Das Stelldichein von Kunstkennern, Käuferinnen, vermeintlichen und echten Kunstagenten führte junge mit älteren Menschen und vornehme Honoratioren mit ausgeflippten Künstlern zusammen.

„Es erscheint fantastisch und authentisch zugleich, nicht wahr?“

Verzückt betrachtete Jan van Pauwels ein großes farbenprächtiges Bild. Ob er mit sich selbst sprach oder mit der neben ihm stehenden Besucherin in eleganter, unverschämt teurer Klamotte, war nicht erkennbar.

„Manou, ...wer ist Manou?“, murmelte der ebenso gefürchtete wie respektierte Autor, dessen Kürzel JP zu einem Markenzeichen geworden war. Seine Artikel in der Onlineausgabe  eines  anerkannten Kunstmagazins fanden internationale Beachtung.Sobald sich JP für ein Werk länger als 2 Minuten interessierte,  zog er magnetisch Kunstbesessene und als Nebenwirkung Leute an, die „unbedingt“ mit ihm gesehen werden wollten.

Manous Gemälde im Fokus des Kritikers war außergewöhnlich. Die 140 mal 100 Zentimeter große Leinwand zeigte eine Fantasiewelt in irrwitzig vielen Facetten. Die filigran gemalten Wesen in einer Umgebung mit üppiger Natur waren detailreich wie Fotografien, doch die Landschaft wiederum erinnerte an historische Malerei. Manou setzte  sowohl Öl- als auch Acrylfarbe ein, was für eine außergewöhnliche Leuchtkraft der lebensecht wirkenden Farben sorgte.  Zwei kleinere Bilder vervoll-ständigten das Fantasieland nach rechts und nach links mit wundervoller Natur. Der Künstlerin gelang es, ihr Werk durch eine seltene Maltechnik dreidimensional erscheinen zu lassen. Im Blickpunkt des großen Bildes lag ein Tal, in dem von grünen Hügeln mit dichtem Gras umgeben ein zierlich wirkendes Wesen mit weiblicher Figur, die sich unter tausenden kleinen, blaugrünen Schuppen abzeichnete, besonders auffiel. Anscheinend bespritzte die Kreatur mit langen grünen Haaren Blüten exotischer Blumen mit Wasser aus dem Fluss. Es sah verspielt aus und doch vermittelte es eine sinnvolle Ernsthaftigkeit im Spiel mit den Wassertropfen. Beim genauen Hinsehen entdeckte man jedoch am Horizont einen Übergang in eine unheimlich wirkende Dämmerung. Angedeutete, düstere Lebewesen versammelten sich dort an der Silhouette einer schauderhaften Burg in der Dunkelheit  hinter einem riesigen Gebirge. Kleine Blitze zeichneten sich am oberen Bildrand ab. Der Horizont zum Himmel mit fröhlich schwebenden Wolken und der einladenden Landschaft bildete einen harten, aber nicht sofort auffälligen Kontrast.

„Wie Leben und Tod“, murmelte JP und schob seine runde Brille von der Stirn über seine Augen, um sich einem der beiden kleineren Bilder zu widmen. Dort entdeckte man erdfarbene, menschenähnliche Gestalten. In ihrem Mittelpunkt fiel ein junger Mann mit blauen Haaren, seltsamen Ohren und Augen auf.

„Was mag da passieren?“ Pauwels war gefesselt. Die Bilder warfen Fragen auf, die er der Künstlerin nicht stellen wollte. Jedenfalls noch nicht. Er sah sich um und winkte mit wichtig wirkender Gebärde die Galeristin zu sich, um sie in ein Gespräch zu verwickeln. Aus angemessener Entfernung beobachtete die Künstlerin mit ihrer Freundin das Geschehen.

„Deine Bilder ziehen alle in den Bann! Ich freue mich für dich. Du hast es geschafft“, flüsterte Amira ihrer Freundin ins Ohr und hielt ihr ein Gläschen Sekt bereit. Die visuell gänzlich unterschiedlichen jungen Frauen  waren seit ihrer Schulzeit eng befreundet und studierten auch gemeinsam.

Während Amiras Kunstinteresse historischer  Art war und ihr Talent in digitaler Technik lag,  zählte die 24-jährige Manou spätestens seit dieser Ausstellung zur  beachteten,  jungen Kunstgeneration. Gespannt beobachteten sie JP, der sich angeregt  mit Frederike van Damme unterhielt.

„Aber sie interessieren sich nur für mein Traumland, das ich nicht verkaufen möchte.“

Amira nickte. Sie wusste, wie sehr Manou an diesen Bildern hing. Die Kunstwerke entstanden nach ihren Träumen, die in der letzten Zeit außerordentlich wundersam waren. Sie reiste dann in eine fremde, prächtige Welt und konnte fliegen. Was sie dort sah und erlebte, brachte sie zauberhaft auf die Leinwand. Manou war selbst überrascht, wie real ihr alles erschien. Sie fühlte sich mit den seltsamen Wesen in der fernen Welt verbunden und war sich zunehmend sicher, dass es sich nicht nur um kreative Vorstellungskraft handelte, sondern dass ihre Traumerlebnisse irgendwie einen wahren Kern hatten. Amira hörte ihr gerne zu, doch seltsam war das schon, dachte sie kürzlich. Sie selbst träumte nämlich nie von einem gleichen Ort oder von Geschehnissen, die wie eine Fantasy Serie im Kopfkino ablief: Fortsetzung folgt, morgen bieten wir dir den Anschluss. Das bereitete Amira Sorgen, denn normal erschien ihr das nicht. Aber sie freute sich über den Erfolg ihrer Freundin, mit der sie auch zusammen wohnte. Manous verstorbene Eltern hatten ihr eine charmante Dachgeschosswohnung hinterlassen, in die sie vom Sekt beschwipst zurückkehrten. Hier erschuf Manou mit Blick auf das multikulturell sprudelnde Eindhoven die aufsehenerregenden Bilder der fremden Welt  ihrer  Träume. 

Niemand  konnte ahnen, wie eng Manous Träume mit der Realität und der Vergangenheit ihrer Familie verwoben waren.  

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3 / Des Schicksals magische Wege

„Bist du dir sicher?“, fragte Amira verwirrt. „15.000 Euro sind eine Menge Geld für das große Gemälde mit den beiden kleinen Bildern. Meine Güte, das kannst du doch nicht einfach ablehnen. Dein erster Verkauf in einer Galerie.  Von dem Geld kannst du sorglos einige Monate leben.“

Unaufgeregt blickte Manou aus dem Fenster und meinte lapidar:

„Das mag sein, es ist aber noch nicht fertig. Ich habe  ja noch etwas Geld.“ Damit war das Thema für sie erledigt.  Amira stellte die Entscheidung ihrer Freundin still in ihren Gedanken in Frage.

In seinem Artikel zur Ausstellung erwähnte JP die „bemerkenswerte Fantasie einer jungen Künstlerin, die mit begnadeter Maltechnik präsentierte wurde.“ Die Künstlerin erwähnte er nur einmal mit ihrem Vornamen, aber immerhin. Das verwendete Portrait war schon etwas älter.  In der Szene sprach man auch ohne JP über ihre Bilder und vielleicht, da war sich Amira nicht sicher, machte Manou es richtig. Bewusst oder unbewusst initiiert, wurde sie durch ihre Verkaufsablehnung noch interessanter und die Bilder damit mysteriöser.

Während Manou malte, hatte Amira einen Aushilfsjob im staatlichen Museum angenommen. Sie sollte die Ausstellungsdurchgänge digital neu gestalten, weil in Kürze eine umfangreiche Leihgabe eines millionenschweren Kunstsammlers erwartet wurde. Für zunächst zwei Jahre stellte er 24 Werke zur Verfügung und daher bedurfte es einer anderen Gestaltung der Ausstellungsflächen. Die Aufgabe hatte weniger mit Kunst, sondern mit organisatorischer Präsentation zu tun. Da es sich um Gemälde alter Meister handelte, hatte Amira großes Interesse an diesem gestalterischen Planungsjob. Mit historischen Künstlern kannte sie sich aus und ging begeistert an die Sache ran. Davon abgesehen brauchte sie das schmale Einkommen aus dem Job.  Ausreichend Zeit für Gemeinsamkeiten blieb den Freundinnen vorerst nicht.  Die Abende verbrachten sie  zusammen in der kleinen, urig gemütlichen Küche ihrer Wohnung immer öfter auch mit Freunden, die wiederum Bekannte mitbrachten, weil sie Manou kennenlernen wollten oder mit Amira flirteten. Sie alle waren meist irgendwie mit Kunst im weitesten Sinne beschäftigt. Wohlhabend war niemand von ihnen, dafür aber unterhaltsam. Abends füllte sich die kleine Wohnung oft mit einem bunten Mix verschiedenster Typen.

Amira wurde von Männern umschwärmt. Sie vereinte ihr hübsches Aussehen mit selbstbewusstem Auftreten. Die asiatischen Gesichtszüge hatte sie von ihrer Mutter ebenso geerbt, wie ihren liebenswürdigen Charme. Konträr dazu liebte sie auffälliges Outfit. Sie trug gerne Hüte, meistens einen klassischen braunen Stetson, dazu ein buntes Hemd mit Fransenjacke. Wenn es zum Anlass passte, erschien sie in einem eleganten oder bunten Kleid. Farbige Strähnen gehörten in ihre  schwarze Haarpracht wie die schrille Sonnenbrille  in ihrem Gesicht, die allein schon Aufmerksamkeit hervorrief. Manou vermied Auffälligkeiten. Schlichte Shirts und Jeans riefen keine Aufmerksamkeit hervor, doch Ihr blonder Kurzhaarschnitt betonte das fein geschnittene Gesicht.  Sie war meist die Unauffälligste auf den Schnappschüssen, die Amira regelmäßig bei Instagram neben Fotos aus ihrem Job postete. Das moderne Team im Museum machte mit und freute sich über die Zusatzwerbung.

Manou war nicht im Web aktiv.

„Für sowas habe ich keine Zeit und da ich meine Bilder nicht allen Leuten zeigen will, weiß ich eh nicht, was ich dort veröffentlichen sollte“ antwortete sie, wenn jemand fragte.

Ob in der Uni oder an den Abenden in Gesellschaft zuhause, stand  Amira im Mittelpunkt. Sie redete und flirtete gerne. Für sie war es Spiel, doch bisher konnte sie keiner erobern. Manou wirkte  unnahbar, was in ihrem Naturell lag. Männern gelang es selten, die unsichtbare Schwelle zu übertreten, um sie näher kennenzulernen. Doch es gab neuerdings eine Ausnahme. Juan gewann ihr Interesse schritt-weise mit Geduld, Charme und Witz, das über freundliches Zuhören und ein paar Wortwechsel hinausging. Er war der Sohn eines Holländers und einer Kolumbianerin, was ihm ein auffälliges Gesicht bescherte. Seine Art mit angenehmen Verhaltensweisen bestätigte sein Aussehen auf sympathische Art. Er kam temperamentvoll und dennoch freundlich zurückhaltend daher. Nur knapp einen halben Kopf größer als Manou war es nicht seine Körperlichkeit die ihre Aufmerksamkeit hervorrief, sondern seine Ausstrahlung. Zwischen den beiden ergab sich behutsam ein Vertrauensverhältnis, zumal Manou ebenfalls von national unterschiedlichen Eltern abstammte. Vielleicht verstanden sie sich deswegen so gut. Als sie sich eines Abends innig küssten, bekam Manou weiche Knie. Wow, dachte sie, das war einzigartig, aber es sollte nicht einmalig bleiben. Juan war eindeutig weit über einen Flirt hinausgehend verliebt und zeigte das auf charmante einfallsreiche Art. Manou dankte es ihm damit, dass sie mentale Nähe zuließ und ihn nach einem der Treffen mit Farbstiften wunderbar authentisch zeichnete. Natürlich war er entzückt und was Manou besonders gefiel: Er ging mit dem persönlichen Geschenk nicht hausieren, sondern genoss die Freude diskret für sich. Am liebsten hätte er sich jeden Tag mit ihr getroffen, doch Manou ließ es langsam anlaufen. Mit dem Begriff Liebe tat sie sich schwer. Vertrauen braucht Zeit und muss verdient werden.

Der frühe Tod ihrer Eltern kam ihr noch immer wie ein böser Verrat des Schicksals vor. Damals war sie erst zwölf und es trugen sich seltsame, unschöne Dinge zu. Der tödliche Unfall wurde offiziell nicht hinterfragt, aber für sie lag nicht nur das fatale Unglück, sondern auch das Leben ihrer Eltern in einem Schleier düsterer Geheimnisse. Erst am Grab wurde ihr klar, dass sie über ihre Eltern kaum etwas wusste. Was war ihr Beruf? Wieso reisten sie so oft und warum erzählten sie zu Hause nichts darüber? Nur fünf Leute kamen zur Beerdigung. Ein befreundetes Pärchen, zwei Verwandte und ein Kollege der beiden. Ihn hatte Manou vorher noch nie gesehen, worüber sie froh war. Ein unsympathischer, unheimlicher Typ. Dem drahtig gebauten Mann sah man seine verbissene Willenskraft deutlich an. Das Alter des hochgewachsenen Typs war nicht einschätzbar, aber er schien wesentlich älter als ihre Eltern zu sein. Er sprach kaum ein Wort, murmelte seine Beileidsbekundung mit einem komischen Akzent und verschwand so unerwartet, wie er gekommen war.

Manous Eltern hinterließen ihr neben der Wohnung und einem alten Häuschen auf dem Land mehr Fragen, als sie verkraften konnte. Der Tod riss ihr bisheriges Leben entzwei. Völlig unvorbereitet musste sie bei  Verwandten ihres Vaters wohnen, die sie zuvor nur zweimal bei Familienbesuchen gesehen hatte. Ihre neue Familie wohnte in Rotterdam, also musste sie zu allem Übel auch noch die Schule wechseln. Ihr Leben entwickelte sich danach so schlecht wie ihre Schulnoten. Sie sackte stark ab, was von den Lehrern zunächst toleriert wurde. Immerhin hatte sie das Schlimmste zu verarbeiten, was einem Kind passieren konnte und sie musste sich erst mal mit allem zurechtfinden. In der neuen Klasse dieser schweren Zeit lernte sie Amira kennen, die durch ihre lebenslustige Art auffiel. Amira fand die Neue in der Klasse interessant, die nachdenklich alles um sie herum zu beobachten schien und distanziert wirkte. Manchmal sah sie das traurige Mädchen beim Zeichnen, was Amiras Neugierde steigerte. In der Klasse wussten natürlich alle etwas über Manous Schicksal, was hier und da mit Gerüchten verwoben wurde. Amira war das Gerede egal und darüber, ob es Empathie, Mitleid oder nur Neugierde war, machte sie sich keine Gedanken. Unvoreingenommen sprach sie Manou an, während die anderen Mädchen und Jungs Abstand hielten, weil sie nicht wussten, wie sie mit ihr umgehen sollten.

„Hey, ich bin Amira. Wenn du willst, zeige ich dir alles. Die Schule ist ziemlich groß. Da kannst du locker in irgendeinem Gang verdursten, wenn du dich verläufst. Wir haben übrigens einen eigenen Sportplatz und Pausenräume zum chillen.“

Schon nach kurzer Zeit konnte Amira ihre neue Mitschülerin immer öfter vom Mäntelchen der Traurigkeit befreien. Beide Mädchen interessierten sich für Kunst. Niemand sonst in der Klasse hatte dafür etwas übrig. Diese Gemeinsamkeit verband sie und Amira durfte sogar sehen, was Manou zeichnete. Es waren famose Portraits oder alltägliche Situationen, die sie authentisch mit Bleistift festhielt. Auch an einigen Skizzen einer seltsamen Fantasiewelt arbeitete sie. Amira konnte nur staunen, denn ihr fehlte das Talent für solche Bilder. Dafür konnte sie Räume und alles Geometrische perfekt wiedergeben und wusste viel über die Kunstepochen alter Meister. Ihr Lieblingsmaler war kein Holländer, sondern der deutsche Künstler Albrecht Dürer. Als Manou in der Bibliothek Dürers Werke in einem Buch betrachtete, verstand sie ihre Freundin. Albrecht Dürer konnte fotografisch malen und legte enormen Wert auf kleinste Details.

Das ungleiche Duo wurde über die Jahre zu engen Freundinnen.

Bis zum Abitur wohnte Manou bei den Verwandten ihres Vaters in Rotterdam, mit denen sich kein harmonisches Familienleben ergab. Mit einem famosen Abitur in der Tasche bezog sie mit 18 die alte Dachwohnung in Eindhoven und konnte endlich ihre Leidenschaft des Malens entfalten. Das kleine Landhaus verkaufte sie. Der Preis lag zwar unter dem vermuteten Marktwert, aber sie konnte die Dachwohnung renovieren lassen, den Balkon  sichern, das Bad verschönern und mit dem Rest der Kaufsumme kam eine Portion Sorglosigkeit in ihr Leben. Alsbald zog Amira bei ihr ein, zumal sie beide, wenn auch mit unterschiedlichen Studiengängen,  die gleiche Universität besuchten.

Vierzehn Jahre waren seit dem tragischen Unfall mit dem Verlust ihrer Eltern vergangen, doch ihre seltsamen Träume von einer anderen Welt, die nach dem Tod ihrer Eltern begannen, ebbten nicht ab. Im Gegenteil. Oft träumte sie so intensiv, dass sie all das, was sie dort entdeckte, erst auf Papier und später auf Leinwand malte. Mit Amira konnte sie darüber reden und die Freundin machte ihr Mut, die Bilder nicht mehr zu verstecken.

„Du musst ja nicht erzählen, dass du deine Träume malst. Sie gehören aber an die Öffentlichkeit, zeig sie! Du hast ein großartiges Talent.“  

Erst zierte sie sich, doch die große Ausstellung in der Galerie „Art Future“ war verlockend. Einmal ausprobieren, was die Leute zu ihren Bildern sagen. Mit Kaufangeboten rechnete sie gar nicht.

Auch Juan kannte ihre Traumbilder noch nicht, die Manou wie ein Geheimnis hütete. Sie fühlte sich zwar wohl mit ihm und in seinen Armen spürte sie eine andere Geborgenheit als mit Amira. Aber sie wusste, das ist ein trügerisches Gefühl, dem sie nicht blind vertraute. Es konnte jederzeit zerstört werden. Eng vertraut war sie nur mit Amira. Sie kannten gegenseitig alle ihre Geheimnisse und Manou wusste sehr wohl, dass die wahre Seele ihrer Freundin wesentlich sensibler reagierte, als es die extrovertierte Exotin signalisierte. Gemeinsam hatten sie tiefe Täler durchquert und manche Höhepunkte ihres jungen Lebens gemeinsam gefeiert. Daher hatte es kein Mann einfach und die Freundschaft zwischen ihnen prüfte jeden, der ihnen näher als üblich kam.

In der neuerdings knapp bemessenen Zweisamkeit erzählte Amira von ihren komplexen Aufgaben und das sie mit einem Lichtkünstler zusammen arbeitet, der für die beste Beleuchtung sorgen soll. Manou zeigte ihrer Freundin indessen eine interessante Farbe, die an Türkis erinnerte und doch anders leuchtete.

„Ich experimentiere mit Acryl und probierte neue Mischungen aus. Das hier ist doch interessant, oder? Ich will es für Feinarbeiten am Traumland einsetzen.“ Die Kreativität ihrer Freundin faszinierte Amira immer wieder aufs Neue. 

Manous Träume rissen nicht ab und eines Abends erzählte sie Amira von einem Traum der vergangenen Nacht, der sie verunsicherte.

„Das war echt unheimlich. Erst begann alles so, wie in den anderen Träumen. Jeder Traum zeigt mir was neues, aber immer in diesem seltsamen Land, mit dem urigen Wasserwesen am Fluss und den Jungen, du weißt schon, der mit blauen Haaren und farbigen Augen. Doch heute Nacht, da war es anders. Irgendwie bedrohlich, ich hatte Angst, keine Ahnung vor was.“

Mit  ruhiger Stimme erzählte sie von ihrem Flug über das fantastische Land ihres Traums und wie sie den jungen, ungewöhnlichen Mann erneut entdeckte, der sie dieses Mal überraschend ansah, sonst hatte er nie Notiz von ihr genommen. Manou war sich sicher, dass er ihr etwas zurief, sie konnte es an seinen Lippen erkennen  und er sah sie dabei an. Aber sie hörte seine Stimme nicht. Und dann war da plötzlich dieses böse Gesicht einer Frau, die sie heranlockte. „Gruselig, echt beängstigend.“

„Im Traum hört man nichts“, murmelte Amira. „Hören, sprechen und riechen funktionieren nicht im Traum. Es sei denn, du träumst nach einer Flasche Wein“, setzte sie grinsend nach. Ihr freches Grinsen gehörte zu ihrem Gesicht wie die Nase oder der Mund. Amira ohne freches Grinsen wäre nicht sie selbst.

„Ich mach mir Sorgen. Lodi, was auch immer in deinem Kopf vor sich geht, kann nicht dauerhaft gesund sein.“ Nur Amira durfte sie mit ihrem zweiten Vornamen  ansprechen, wie es einst ihre Eltern taten.

Manou nahm ihre Mahnung nicht ernst. Es schien ihr normal, lebhaft zu träumen. „Manche mehr, andere weniger“, dachte sie.  So vergingen die Tage stets ähnlich, bis Amira im Museum einen Anruf aus Spanien erhielt. Ein Telefonat, das sie aus der Bahn warf und vor elementare Probleme stellte.

„Ich muss unbedingt mit ihr darüber reden. Verdammt, wie sag ich es ihr?“ Sorgenfalten zeichneten sich in ihrem Gesicht ab. Sie seufzte  und spürte eine Träne im rechten Auge. Das linke schloss sich an und die salzigen Tropfen purzelten ihre Wangen hinab.

„Mist!“, rief sie und wischte sich genervt die Traurigkeit aus den Augen. „Gleich heute spreche ich mit ihr, sie wird es verstehen!“, nahm sie sich vor. Doch dazu kam es noch nicht. Auch am nächsten Tag nicht. Ihr fehlte der Mut und gerade jetzt kamen mehrfach gemeinsame Freundinnen und Freunde abends zu Besuch. Amira wirkte abwesend, machte den einen oder anderen Spaß mit, aber gleich darauf grübelte sie wieder mit ernstem Gesicht über ihr Problem nach, das in ihrem Kopf herum spukte und sie blieb ungewohnt still.

„Was hat sie bloß?“ fragte sich Manou im Stillen und laut: „Hast du Sorgen im Job, ist irgendwas nicht in Ordnung?“

Amira wollte es herausbrüllen: „Nein, nichts ist Ordnung, ich muss nämlich umziehen“, aber sie sagte einfach nur: „Ne, alles ist gut.“

Auch am nächsten und übernächsten Tag fand sie nicht den Mut zur Wahrheit. Doch dann musste es einfach sein. Amira kratzte ihren letzten Mumm zusammen und lud Manou zum Essen in ihr gemeinsames Lieblingsrestaurant ein. Den Grund behielt sie noch für sich und Manou dachte nicht weiter darüber nach. Sie freute sich darauf. Auf dem Weg zur Bahnstation erzählte sie ihrer Freundin, dass noch ein Kunstsammler an Werken von ihr interessiert sei. „Frederike van Damme  drängelt, ich soll möglichst schnell noch so was malen. Als wenn ich das mal eben in einigen Tagen erledigen könnte“, ärgerte sie sich und Amira lachte: „Sie weiß ja nicht, dass du immer erst mal nächtelang träumen musst, bevor sich die Leinwand langsam füllt.“

Amira blieb ungewöhnlich nachdenklich, was sich auch am Busbahnhof nicht änderte.

Manou bildete zu Amiras schickem Look wieder einen deutlichen Kontrast. Abgesehen von ihrer unnahbaren Art mit einem schönen Gesicht, das jeden Maler begeistert hätte, war die geheimnisvoll wirkende Aura das Auffälligste an ihr. In Jeans mit einem schlichten Sweatshirt und einer schlabbrigen, offen getragenen dunkelgrünen Jacke schien es so, als wolle der hübsche Blondschopf die eigene Attraktivität kaschieren. Damit erreichte sie aber genau das Gegenteil und trotz der wuselig rasanten Hektik geriet ihr Erscheinungsbild in den Fokus nicht weniger Männer, aber auch von einigen Frauen. Manche dieser Blicke zeigten deutliche Wünsche, andere wiederum  erweckten einen weniger zudringlichen Eindruck.  Amira zog die Aufmerksamkeit auf sich und erst dann geriet Manou in den Fokus. Amira war es gewöhnt. Sie genoss es und maß dem keine weitere Bedeutung zu. Manou jedoch bemerkte die Blicke nicht.

Im vollen Restaurant angekommen, das sich zum Treffpunkt vieler junger und älterer Kunstschaffender jeglichen Genres gemausert hatte, blieb Amira weiterhin wortkarg. Eigentlich wollte sie ihre Freun-din schon unterwegs darauf vorbereiten, was sie mitzuteilen hatte. Aber es war einmal mehr kein guter Zeitpunkt. Gespannt wartete Manou bestens gelaunt bei einem veganen Mahl auf die Neuigkeit ihrer Freundin. Amira wirkte niedergeschlagen und wurde bis zum Nachtisch immer nervöser.

„Manou, Ich muss dir was gestehen.“

Verlegen schaute sie auf den Boden, dann strich ihr Blick Manous fragenden Gesichtsausdruck, um gleich darauf verschämt auf ihren leeren Teller zu sehen.

„Ich wollte es dir schon in den vergangenen Tagen erzählen. Aber irgendwie gab es keinen passenden Moment und ich traute mich nicht. Aber jetzt muss es sein!“ Sie atmete tief durch, seufzte und sah ihrer Freundin in die Augen.

„Mein Job für die Ausstellungsvorbereitung ist erledigt und vor 2 Wochen erhielt ich einen Anruf aus Spanien. Professor Fuller, der an der Uni mal über Museen referierte, erinnerst du dich?“

Manou dachte kurz nach und nickte, damit Amira weitersprach.  „Er hat ein Projekt übertragen bekommen und möchte mich als seine Assistentin nach Madrid holen. Ich werde gut bezahlt und die Modernisierung des Kunstmuseums mit all den Ausstellungen, ja, das ist genau mein Ding, genau das, was ich eigentlich schon immer gerne machen wollte.“

Stocksteif begriff Manou die Worte, die wie Granaten schmerzhaft einschlugen und in ihrem Kopf widerhallten. Amira reist nach Spanien, weg von mir, weg aus unserem gemeinsamen Leben, fort aus der Wohnung und aus Holland.

„Manou, sag doch was! Bitte ...“

Beide schauten sich in die Augen und Amira sah Manous Lebensfreude verglimmen. Ihre Enttäuschung mit Wut und Trauer bekam Manou diszipliniert unter Kontrolle. Sie zeigte ihre Gefühle nicht gerne und schon gar nicht solche.

„Na ja, Glückwunsch, das ist ein super Karriereschub für dich. Ich gönne es dir.“

Ihr Ton war eisig und einen Moment ärgerte sie sich über sich selbst. „Du solltest es ihr wirklich gönnen!“, zischte ihr Gewissen. Frostig fragte sie jedoch nur „Wann?“

„Morgen, ganz früh. Erst mal für vier Wochen, dann komme ich einige Tage zurück, um  Sachen aus der Wohnung zu holen und um mich von den anderen zu verabschieden. Natürlich bezahle ich meinen Teil noch einige Zeit weiter“, hauchte sie die Hiobsbotschaft über den kleinen Tisch und ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Deswegen wollte ich heute noch einmal mit dir ein paar Stunden verbringen und zusammen essen.“ Amira konnte ihre Tränen nicht länger drosseln, die nun ihre Wangen hinab kullerten.

„Ich war auch drauf und dran abzusagen, aber so eine Chance, nein, die bekomme ich nicht wieder, oder?“ Sie schniefte und ihre Stimme versagte bei dem Versuch, die Fassung zu wahren. Sie wusste nur allzu gut, wie stark die Bindung zwischen ihnen war. Seit dem tragischen Unglückstod von Manous Eltern war sie ihre einzige Bezugsperson. 

„Und vielleicht tauge ich gar nicht dafür und bin schneller zurück, als du glaubst“, setzte sie nach, um ein Gefühl der Endgültigkeit zu vermeiden. Manou nickte sprachlos während sie sich verzweifelt bemühte, nicht zu weinen.

Bedrückt brachen sie auf. Anders als sonst blieben sie schweigsam. Für beide war die vor Kreativität sprühende Stadt zu einer liebgewonnenen Heimat geworden. Aber an diesem Tag  saßen sie mit ganz anderen Eindrücken und Gefühlen im Bus. Amira hatte Tränen in den Augen und traute sich nicht, ihre engste Freundin neben sich anzusehen. Manou war nicht nur traurig, sondern erschüttert. So sehr, dass sie das Gefühl hatte, den Boden unter ihren Füßen zu verlieren und fortan nicht mehr zu wissen, wie das Leben für sie weitergehen könnte.  Das sagte sie aber nicht. Seit vielen Jahren waren Amira und Manou ein unzertrennliches, eingespieltes Duo. Für die Ewigkeit, dachten sie mal, doch nun standen sie urplötzlich vor der Trennung. Zuhause verschwand Manou wortlos in ihrem Zimmer. Kurz bevor sie die Tür erreichte, hörte sie Amira noch sagen.

„Lodi …“ aber Manou fiel ihr ins Wort:

„Lass es bitte, Amira! Flieg morgen nach Madrid. Es ist in Ordnung, ich freue mich für dich! Auch wenn ich es nicht so zeigen kann. Ich bin traurig um die Trennung, doch für dich freue ich mich ein bisschen.  Aber weck mich nicht, wenn du gehst. Es ist schon so schlimm genug!“

In ihrem Zimmer ließ sie ihren Gefühlen freien Lauf und weinte so heftig, wie seit dem Tag der Beerdigung ihrer Eltern nicht mehr. Erschöpft blickte sie auf  ihre Leinwand, auf der ein neues Bild mit der Landschaft ihres Traumlands entstand. Bisher war sie nach solchen Träumen immer unsicher, ob sie einen Blick in einen anderen Kosmos werfen durfte oder ob das alles reine Fantasie eines Traums war.  Und wenn das der Fall wäre,  drängte sich die Frage nach dem „Warum“ auf.

„Warum träume ich sowas“ auf. „Amira ist morgen fort, mit wem soll ich dann über ihn und meine Träume reden?“

Mutlos fiel sie aufs Bett und schluchzte sich in einen unruhigen Schlaf, der sie abermals in das Traumland entführte. Nach wenigen Minuten träumte sie eindringlich und deutlich.  Dabei bewegte sie sich sanft in der Höhe über die merkwürdigen Landschaften und wollte am liebsten nie wieder erwachen. Erstmals vernahm sie im Schlaf Geräusche und hörte  das Plätschern von Wasser. Im Traum wurde ihr aber nicht bewusst, wie ungewöhnlich das war. Am Flussufer sah sie das hübsch anzusehende skurrile Wesen wieder, das sich irgendwie aus Wasser und einem organischem Stoff zusammensetzte. Manou staunte über ihre weibliche Figur, das hatte sie zuvor nicht entdeckt. Die türkisfarbenen Augen waren ebenso markant wie ihre langen grünen Haare. Das Wesen machte einen fröhlich verspielten Eindruck und spritzte das kristallklare Nass kichernd auf wundervoll exotischen Blumen in jeder erdenklichen Farbe. Ebenso farbenprächtige  Schmetterlinge verschiedenster Größe sowie Bienen und allerlei andere Fluginsekten tummelten sich rund um die Blüten.  Das hatte Manou schon einmal gesehen. Obwohl sie schlief, spürte sie eine unerklärliche Verbundenheit mit dem Wesen am Fluss und der fremden Welt. Sie wühlte  im Bett nicht mehr hin und her, sondern entspannte sich. Doch mit jedem weiteren Meter, den sie am Rand des unermesslich großen Waldes zurücklegte, entwickelte sich ein Gefühl der Unsicherheit. Oder war es die Angst, dass sie all das nicht träumte und dass sich durch die Traumwelt etwas in ihr verändert? Hinter dem höchsten Hügel, dessen saftiges Gras von Kühen und Widdern gleichermaßen gezupft wurde, entdeckte sie aus luftiger Höhe erneut den kuriosen Typen mit seinen langen blauen Haaren.

„Hallo!“, rief sie, doch ihre Stimme versagte, kein Laut kam über ihre Lippen. Immer weiter ging ihre Reise und führte sie über einen unermesslich großen Wald. Einige der Bäume machen den Eindruck, als seien sie mehr als nur Bäume, sie bewegten sich, oder doch nicht? Manou sah Nebelschwaden, die auch nicht einfach nur wie Nebel wirkten. Als sie sich vom Waldrand entfernte und immer weiter flog, wurde es kälter. Sie begann zu frösteln.

„Nein! Nicht weiter, da will ich nicht hin!“

Der Traum hörte nicht auf sie und es ging  mit zunehmender Dunkelheit hinein in die Kälte. Die Gegend war unheimlich. Am Horizont sah sie Blitze am Himmel und unter ihr eine vereiste Berglandschaft. Es wurde bitterkalt.

„Ich erfriere!“, schrie sie vor Kälte und Angst zitternd.  Plötzlich starrten sie zwei Augen an, direkt vor ihr, wie eine flimmernde Fata Morgana mitten in der Luft, kein Gesicht, kein Körper, sondern nur der stechend böse Blick einer Frau, die ihr im Traum schon einmal begegnete. Erschrocken hörte sie eine Stimme:

„Komm zu mir, komm, wir gehören zusammen. Ich brauche dich. Gemeinsam beherrschen wir die Welt, komm!“ 

Manou erschrak panisch, zuckte zurück und fiel herunter. Sie fiel und fiel, es gab kein Halten.

Der Sturz katapultierte sie vom Bett auf den harten Holzfußboden ihres Zimmers. Der Aufprall weckte sie unsanft und rasende, an den Schläfen pulsierende Kopfschmerzen tobten sich hemmungslos aus. 

„Aus dem Bett gefallen“, murmelte sie und hielt benommen den Kopf unter  das fließend kalte Wasser des Waschbeckens.

„Verdammt, was war das denn?“, fragte sie sich im Spiegel. „Wer bist du?“ und nach einer kurzen Pause flüsterte sie:  „Was bist du? Verlierst du jetzt den Verstand?“

Gerade wollte sie zur Tür hinaus und nach Amira rufen, als ihr wieder alles einfiel. Der Abend, das Desaster, die Trennung. Es war still und dunkel in der Wohnung. Amiras Zimmertür stand offen und der Raum war verlassen. Genauso fühlte sich Manou in diesem Moment und ihr liefen wieder Tränen die Wangen hinunter.

„Amira ...“, stammelte sie hilflos. Entmutigt rutschte sie mit dem Rücken an der Wand hinunter auf den Boden, wo sie schluchzend das Gesicht in ihre Hände vergrub, die vom Mondschein erhellt so kreidebleich wie ihr Gesicht schienen. Schmerzhaft spielten Amiras Worte Pingpong in ihrer Seele.

„Ich verstehe dich ja, aber was mach ich ohne dich? Vielleicht reise ich einfach hinterher, nach Madrid? Dort kann ich auch malen“, schluchzte sie verzweifelt bemüht, nicht vollständig die Fassung zu verlieren. Sie riss sich zusammen.

„Verdammt!“, fluchte sie, was ungewöhnlich war. Amira, ja, die schimpfte, fluchte und wurde auch mal laut. Aber Manou? Nein, das war nicht ihre Art. Sie wechselte zurück in ihr Zimmer und blickte durchs Fenster auf die noch unbelebten Gassen. So früh am Morgen schien noch der Mond, auf der anderen Seite des Horizonts zeigten sich die ersten Sonnenstrahlen.  Heute leuchtete der Mond in den Morgenstunden noch gleißend hell, als wolle er ihr mit seinem Licht Trost spenden.

„Du scheinst dein Lichtkleid jede Nacht  zu wechseln“, sagte sie hinauf zum Trabanten der Erde. „Man erkennt nicht sofort, dass du nicht einfach nur weiß oder gelb bist, nein, es sind Nuancen dieser Töne und ich habe keine Ahnung, wie man sie auf die Leinwand überträgt.“ So viele kleine und vermutlich riesige Sterne und Planeten drängelten sich um den Erdtrabanten, dass sie sich gar nicht satt sehen konnte. Von Minute zu Minute wurde die Strahlkraft im aufgehenden Sonnenlicht schwächer, während Ihr Traumerlebnis die traurigen Gedanken verdrängte.

„Was wäre, wenn meine Träume keine Träume sind?“, sinnierte sie. Um Details in ihren Erinnerungen bemüht, konzentrierte sie sich auf den vergangenen Traum und widmete sie sich wieder der Staffelei. Konzentriert veränderte sie die Struktur des begonnenen Bildes. Der Tag ging schon auf Mittag zu, als sie den jungen Krieger mit seinen blauen Haaren skizzierte.

„Du kommst später dran“, flüsterte sie und unterlegte den Hintergrund am Horizont mit matt schimmernder, dunkelblauer Farbe. Als sie den Pinsel am urigen Typ ansetzte und nach den violett schimmernden Ohren seine Augen malte, erklang eine Stimme in ihrem Kopf, oder sprach die Leinwand zu ihr?  Die Worte klangen entfernt und waren dennoch verständlich:

„Komm nicht näher, das ist gefährlich!“

Abrupt verharrte sie.

„Was?“ Irritiert starrte sie auf die Leinwand und lauschte wie ein Wolf auf der Jagd.

„Lodi!“, rief sie zu sich selbst. „Reiß dich zusammen. Fantasie ist das eine, fremde Stimmen hören führt schnurstracks in die Klapsmühle, nein!“

Trotzdem ging sie mit ihrem Gesicht näher an die Staffelei, ob sie nicht doch irgendwas Ungewöhnliches hören könnte. Manou bemerkte nicht, wie ihr Körper transparent wurde. Aus der Entfernung betrachtet erschien sie wie ein flimmernder Umriss einer Fata Morgana. Niemand hätte geglaubt, was zu sehen war,  und dennoch passierte es. Die Malerin setzte den Pinsel an und ignorierte  ihre plötzliche  Angst, für die es keine logische Erklärung gab.

„Ich bin müde“, flüsterte sie und versuchte die Augen aufzuhalten. Es schien,  als würden sich die Skizzen und ausgemalten Motive in ihrem Bild bewegen. Das war das Letzte, was Manou bemerkte, bevor sie mit dem Bild verschmolz. Es sog sie förmlich hinein.

Nur der heruntergefallene Pinsel und ein blauer Klecks auf dem Fußboden erinnerten daran, dass sie hier eben noch an ihrem Bild malte.

FANTASY, Halvar Tjaard Valdis - Die Weltenschützer-Saga:

​

In den tiefgrauen Nebelschwaden des großen Sees zeichnete sich ein Schemen ab, der zunächst nur wie ein waberndes Dunkel im flimmernden Grau erscheint. In  der zähen Langsamkeit  des  ersten sanften Tageslichts wird der Schemen erkennbar zu einem Kanu, das sich lautlos dem Ufer nähert. Der einsame Wasserwanderer im Morgengrauen ist niemand Geringeres als Halvar Tjaard Valdis. Schon seit Anbeginn der Zeit, so sagt man, wandert er mit vielen verschiedenen Namen  über die Erde und niemand weiß, woher er kam und wohin ihn seine Reise führt. Doch er hat immer ein Ziel.

 

“Wir sind da”, stellte der im Boot kniende Mann in seiner schwarzen Hirschlederjacke fest. Sanft berührt seine große, kräftige Hand den Bootsrand.

 

"Thegran Astrithr, ich danke dir für  deine Treue",  flüsterte er seinem Kanu zu und sein Kopf deutet ein Nicken an.

"Nun werden wir sehen, was uns hier erwartet".

Mit einem Sprung erreicht die  schlanke, große Gestalt das Ufer. Während seine Hand über den Schwertgriff streicht  und gleich darauf seine legendäre Flöte in der verschlossenen Jackentasche über seinem Herzen ertastet, erkundeten seine Augen  und sein Geist was vor ihm lag. Er bemerkte, alles, was der Wald am Ufer zu verbergen versuchte. Mit der  Linken rückte er seinen  breitkrempigen und schwarzen Hut auf seinen schulterlangen schwarzen Haaren zurecht. Drei Federn eines heute unbekannten  Vogels zierten den auffälligen Hut, der zweifelsohne schon sehr viele Jahre diesen Kopf schmückt. Auffällig sind die  zierlichen roten Streifen, die sich mittig durch die schwarzgrauen Federn von unten nach oben ziehen. Wer den Vogel mit diesen Federn kennt weiß genau: diese roten Streifen signalisieren tödliche Gefahr. So,  wie das zunächst unscheinbar wirkende Griffstück des

außergewöhnlichen Schwertes, dass in einer Bullenlederscheide mit zwei Gurten am Rücken des großen Mannes befestigt war. Der Griff ist perfekt für die linke genauso,  wie für die rechte Hand seines Trägers aus dem Beinknochen eines seit Jahrtausenden von der Erde verschwundenen Tieres  geformt. Kleine, geschnitzte Zeichen  informieren darüber, welchen Furcht einflößenden Namen das tödliche Kunstwerk  trägt und für wen die Waffe bestimmt ist. Weiter würde man erfahren, dass damit überall dort das Recht der Menschlichkeit einzieht, wo ihm großes Unrecht begegnet. Doch kaum jemand  konnte diese Zeichen noch deuten. Aber die düstere, uralte Gestalt an diesen Gestaden wusste es sehr wohl, denn sie gehörten auf ewig durch einen Schwur verbunden zusammen. Wobei der Mann seinen scharfen, aus einem schwarzen Material geschmiedeten Eidgenossen nur selten benutzte. Ihm standen weit mehr magische Waffen zur Verfügung.  Wohl dem, der das nicht herausfinden möchte.

 

Halvar Tjaard Valdis ziog seine buschigen Augenbraunen nach oben, roch die Luft des Waldes und seine wasserblauen Augen vermittelten eine erstaunlich dynamische Jugend. Sie konnten weitaus schärfer sehen, als es Menschen sonst gegönnt war. Sein Gesicht indes war von den Jahrhunderten  der Sorge und des Kampfes mit Falten und Narben gezeichnet, wobei sein dichter Bart zusammen mit dem Hut keinen vollständigen Eindruck zuließ. Längst hatte der Wasserwanderer Witterung aufgenommen und seine Augen durchdrangen konzentriert den Wald, Baum für Baum, bis zur Felsenwand mit den Höhlen und dem Platz davor, der von großen Steinen umrahmt war. Auf einem kleinen Plateau waren weithin sichtbar schwere Speere aufgestellt, auf deren Spitzen Schädel aufgespießt  wurden. Einige wurden zuvor ausgekocht, so dass nur noch der blanke Totenkopf zu sehen ist, andere vermoderten vor sich hin.  Die grausam makabre Show schreckte Halvar Tjaard Valdis nicht. "Arme  Teufel", brummte er und  seine linke Hand rückte den Schwertknauf in eine gute Position. Er richtete einen Gedanken an  die tödliche Waffe:

 

"Grim Konungr Brandar , heute werde ich dich vielleicht brauchen". 

 

Ein zartes Vibrieren summte durch das unzerstörbare Material aus uralten, längst vergangenen magischen Zeiten und auch die ebenso alte Knochenflöte antwortete mit einem leisen Klang. Das summende Vibrieren und der sanften Töne trafen und vereinen sich über seinem Herzen.  Halvar Tjaard Valdis machte den ersten Schritt, heute achtete er  nicht darauf, keine Spuren zu hinterlassen. Er wusste, dass sie wissen, dass jemand kommt. Ein angedeutetes Lächeln spielte  mit dem Gedanken, dass sie alle aber nicht wirklich wussten, wer zu ihnen kam. Am Waldrand griff er zu seiner zierlichen Knochenflöte mit 6 Löchern und drei Röhren. Er spielte eine seltsame Melodie und  schritt besonnen, aber zielstrebig durch den Weiden- und Buchenwald. Seine linke Hand blieb griffbereit für Grim Konungr Brandar, mit der Rechten bewegte er die Flöte an seinem Mund. Die Töne klangen ähnlich die einer Panflöte, und doch ganz anders. Zwei verwilderte Krieger der Garanok-Sippe erstarrten plötzlich vor Schmerz in ihren Verstecken in den Bäumen, ihre Speere fielen gefahrlos zu Boden.  Unweit vom Geschehen witterte eine Königsanakonda aus dem angrenzenden Sumpfgebiet ihre Chance und schlängelte sich geräuschlos zu ihrer Beute. Auf sie übten die Töne der Flöte  keinen Einfluss aus.  Halvar Tjaard Valdis spielte die schmeichelnde Melodie weiter, denn die beiden Uferwächter waren nicht allein. Schon einige Schritte weiter lichtete sich das Baumdickicht und das Bergmassiv mit den Höhlen der Garanoks wurde sichtbar. Einen kleiner Moment des Zögerns für einen Überblick, dann marschierte er für alle sichtbar voran.  ​

Manchmal hängt sie nur so rum und liest ein gutes Buch.

Ghostwriters Schreibstube | Ghostwriting

Buchschreiber in Ghostwriters Schreibstube

Carina Vossbrincke & Andreas Vones

Lektorin, Übersetzerin /  Autor

D 24326 Dersau am Plöner See

Windmühlenkamp 16

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